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DER ARBEITSKREIS | DAS VORHABEN |
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Öffentliches Gedenken ist Teil unserer politischen Praxis und unserer auf Verständigung zielenden öffentlichen Kommunikation. Es beansprucht, nicht nur unser Geschichtsbild und Selbstverständnis zum Ausdruck zu bringen. Es stellt auch das Gemeinwesen nach außen dar und soll künftigen Generationen bedeutsam bleiben. Es muss sich diskursiv legitimieren. Die Gedenkkultur hat wichtige Beiträge zu unserer politischen Kultur geleistet. Sie hat Erinnerung ermöglicht, friedensstiftend gewirkt, den Blick für unsere Geschichte geschärft und zur Anerkennung im Ausland beigetragen. Und doch sind Projekte immer wieder berechtigter Kritik ausgesetzt. Verfahren sind nicht transparent. Akteure gelten als nicht legitimiert. Vorhaben werden tot geredet. Denkmäler bleiben unbeachtet oder unverstanden, und die Öffentlichkeit fragt sich: In wessen Namen, zu welchem Zweck? Bei Gedenkprojekten herrscht eine gewisse Arbeitsteilung. Historiker definieren den Gegenstand. Aber die Geschichte kann nicht sagen, wie wir heute mir umgehen sollen. Politiker formulieren die Aufgabenstellung, aber oft ist es nur ein schlechter Konsens, der sie vor Kritik bewahren soll. Die Kunstwissenschaftler urteilen über Kunst, aber auch sie sind keine Experten zu Fragen öffentlicher Verständigungsprozesse über Geschichte. Die Kunst soll dann die Antworten finden, die die Verantwortlichen schuldig bleiben. Aus diesen Defiziten können Verständigungs- und Akzeptanzprobleme entstehen, die den Erfolg von Denkmalprojekten gefährden. Heute hat sich das Verständnis von Denkmälern geändert. Sie sollen nicht mehr wie zu Zeiten von Obrigkeitsstaaten Monumente auf einen Sockel stellen, sondern Bürger zu Nachfragen an ihre Geschichte anregen und Debatten auslösen. Gedenken soll Teil einer demokratischen politischen Kultur werden. Aus Denkmälern sollen Denkzeichen werden. Diese Neuorientierung ist zu begrüßen. Aber ihre Umsetzung ist schwierig. Öffentliches Gedenken bewegt sich im Spannungsfeld von Selbstdeutung, Situationsdeutung und Geschichtsdeutung, von Akteuren, Adressaten und Gegenstand. Es beruht auf einer komplexen Interaktion von affektiven Antrieben, historischen und zeitdiagnostischen Urteilen, moralischen Überzeugungen, strategischen Interessen und politischer Legitimität. Diese Felder müssen in jedem Projekt jeweils neu ausgelotet werden. Das Problem ist nicht, dass solche Ansprüche hoch sind, sondern dass sie weitgehend gar nicht gesehen werden. Aus dieser Problemwahrnehmung hat sich das Projekt eines Arbeitskreises für Memoriallogie entwickelt. Der neue Begriff signalisiert, dass sich das Projekt nicht in den etablierten disziplinären Gleisen bewegen und auch nicht alte Schlachten auf neuen Feldern führen will. Es will im Wesentlichen aus einer Metaperspektive einen Diskurs entwickeln, dessen Ziel es ist, sich argumentativ über Gedenken auseinanderzusetzen und zu verständigen. Es geht also nicht um einzelne Vorhaben oder Thematiken, sondern allgemeiner um die Struktur von Gedenkprozessen, die Bedingungen der Möglichkeit ihres Erfolges, die Voraussetzungen ihrer Legitimität, die Chancen ihrer Akzeptanz und Nachhaltigkeit. Erst eine solche Klärung ermöglicht eine fundierte Kritik an einzelnen Positionen und Projekten. Zu einer solchen Metaperspektive kann das Projekt nur einzelne überschaubare Beiträge leisten. Dabei werden zunächst zwei Theorien, die Kommunikationssoziologie und die Objektbeziehungstheorie, befragt, was sie zum Verständnis von Gedenkprozessen beitragen können. Gleichzeitig wollen wir Berliner Gedenkprozesse und projekte vornehmlich der letzten Jahre exemplarisch daraufhin untersuchen, inwiefern sich die Konzepte dieser Theorie zur Beschreibung von Projekten als fruchtbar erweisen. Der mögliche Beitrag der Kommunikationssoziologie liegt auf vier Ebenen, einer theoretischen, einer empirisch-analytischen, einer diskursiven und einer praktischen. In theoretischer Hinsicht kann sie Begriffe und Modellannahmen über memoriale Kommunikationen entwickeln. Mit deren Hilfe kann sie empirische Gedenkprozesse beschreiben und in ihren Ursachen und Wirkungen erklären. In diskursiver Hinsicht bietet sie die Chance, die Gründe von Geltungsansprüchen von Beiträgen zu Gedenkdebatten kritisch-sachlich zu prüfen und damit die Verständigung der Projektbetreiber wie der Bürgergesellschaft über Aufgabenstellungen, Abläufe, Ergebnisse und Wirkungen von Projekten zu verbessern. Aus diesen Untersuchungen und Debatten lassen sich in praktischer Hinsicht begründete Annahmen unter anderem darüber ableiten, wie Abläufe strukturiert werden müssen, welche Entscheidungen zu treffen sind, wenn bestimmte Intentionen verfolgt werden, welche Medien für welche kommunikativen Ziele besonders geeignet sind und welche Wissensbedingungen vorliegen müssen, damit die Adressaten Kommunikationen verstehen können. Die psychologische Objektbeziehungstheorie entwickelt Begriffe und Hypothesen zur Erklärung, aus welchen zumeist unbewussten Gründen Menschen auf „Objekte“, nämlich Personen, Sachen, Ereignisse oder ihr eigenes Selbst, so und nicht anders gefühlshaft bezogen sind, und warum sie bestimmte Bilder, so genannte Repräsentanzen, von ihnen entwickeln. Mit Hilfe dieses Ansatzes lässt sich erklären, warum Menschen sich mit Objekten identifizieren, bestimmte Wünsche und Ängste auf sie projizieren, welche Konflikte Objekte in ihnen auslösen und wie sie diese verarbeiten und gegebenenfalls abwehren. Wie andere individualpsychologische Theorien lässt sich auch die Objektbeziehungstheorie unter eng definierten Bedingungen auf Gruppen übertragen. Beziehungsaspekte sind für Gedenkprojekte in der Regel zentral. Initiatoren werden aus einer eigenen Beziehung zu den memorialisierten Objekten motiviert. Auch die Beiträge anderer Projektbeteiligter haben meist einen lebhaften Beziehungshintergrund. Inhalt und Gestaltung ihrerseits formulieren im Hier und Jetzt von Ort und Entstehung ein „Wir“ und einen „Wir-Bezug“ zum thematisierten Objekt. Sie stellen „unsere Geschichte“ im Namen derer dar, für die es errichtet wurde, und möglicherweise für eine noch größere Gesamtheit von Rezipienten. Um glaubhaft und überzeugend zu sein, muss ein Denkmal insofern wahrhaftig sein, als es die zunächst oft unbewussten, abgewehrten, grandios oder angstvoll besetzten Beziehungen der Beteiligten zu dem Objekt nicht verstellt, entstellt oder verschweigt. Nur dann kann es in dem anspruchsvollen Sinne erfolgreich sein, dass es die Betrachter bewegt, ihre eigenen Beziehungen zu dem Objekt aufzuklären. Der Beziehungsaspekt ist nicht nur der wunde Punkt, sondern oft auch der blinde Fleck des Gedenkens. *** Wir haben vor, in Zukunft Diskussionskreise und zusammen mit Partnern auch öffentliche Veranstaltungen durchzuführen. Ein Projekt, das wir in naher Zukunft aufnehmen werden, ist die genaue Untersuchung der Intentionen, des Projektablaufs, der Gestaltung und der Rezeption eines bekannten und nach unserer vorläufigen Einschätzung besonders erfolgreichen Denkmals. Wir haben in der Vergangenheit zu einigen Veröffentlichungen aus dem Umkreis des Themas „Gedenken“ Kritiken verfasst und diese auf der Website veröffentlicht. Dies soll in loser Folge weiter geschehen. Das Vorhaben versteht sich als Projekt engagierter Bürgerinnen und Bürger. Es liegt an der Schnittstelle zwischen bürgerschaftlichem Engagement und Wissenschaft. Es ist gedacht als work in progress, dessen Selbstverständnis dieses Statement in aller Vorläufigkeit umreißen soll. Interessenten sind herzlich eingeladen mitzuarbeiten. Autoren sind eingeladen, uns Beiträge zu schicken. Oktober 2006 |
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