|
„Es gehört zu den Stärken des Gedächtnisses, dass es mit unerwarteten
Belegen von neuen Blickrichtungen aus angefochten werden kann, gerade
aus denjenigen Regionen, die es bisher verdrängt hatte. Wir müssen
angesichts dieses selektiven und ständig hin und her laufenden Dialogs
zwischen Vergangenheit und Gegenwart erkennen, dass unsere Gegenwart
unvermeidlich einen Einfluss darauf hat, was und wie wir erinnern. Es
kommt darauf an, diesen Prozess zu begreifen, statt ihn in dem falschen
Glauben an ein letztlich reines, vollständiges und transzendentes
Gedächtnis zu bedauern. Daraus folgt, dass die Erinnerung an die
Vergangenheit unsere Gegenwart immer nachdrücklich prägen wird,
angefangen von unseren unbewussten Wünschen bis zur Lenkung unserer
bewussten Handlungen. (...) Sie ist jedoch nicht vor Verknöcherungen
gefeit und kann den Bedürfnissen der Gegenwart im Weg stehen, anstatt in
dem Verlauf der Geschichte neue Möglichkeiten freizugeben.“
Andreas Huyssen (1994)
|
|