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       DAS ARCHIV | BESPROCHENE LITERATUR | SCHÜTZEICHEL |

  KOMMENTAR

     Institut

Rainer Schützeichel

Soziologische Kommunikationstheorien

Konstanz 2004

Zusammenfassung

Volker Wild Juni 2006  

Memoriale sind Ergebnis und Träger von Kommunikationen. Sie kommunizieren historische Erfahrungen und Ereignisse, politische Stellungnahmen, moralische Aufforderungen, kollektive Emotionen. Sie nehmen einen signifikanten Platz in der politischen Kommunikation ein, zumal heute und in Deutschland. Und doch sind die Implikationen der Feststellung, dass Denkmäler Kommunikationen sind, in keiner Weise geklärt. Was bedeutet „Kommunikation“ in diesem Kontext? Was sind ihre Voraussetzungen, ihre Komponenten, ihre Abläufe, ihre Wirkungen? Was sind die Bedingungen ihres Erfolgs? Dies sind sowohl in den wissenschaftlichen Debatten über Gedenken als auch in der Praxis der Projekte weithin ungestellte Fragen. Mir scheint, dass hier vielleicht unter der unleugbaren Last der Vergangenheit selbst etablierte wissenschaftliche Einsichten ausgeblendet werden, um Gedenkdiskurse und Praktiken nicht zu hinterfragen. In dieser Situation ist es angebracht, zur Kenntnis zu nehmen, was Kommunikationswissenschaften über Kommunikation wissen. Dabei spielt die Kommunikationssoziologie, die Kommunikationen als soziale Handlung begreift, für ein Gedenken, das sich als Kommunikation im öffentlichen Raum versteht, eine besondere Rolle. Das hier besprochene Buch von Rainer Schützeichel gibt eine gute Einführung und eine Übersicht über die verschiedenen Richtungen des noch jungen Faches.

Ich versuche im Folgenden, die Ausführungen des Autors in ihren wesentlichen Grundzügen wiederzugeben, und konzentriere mich dabei auf drei Fragen, an denen die wichtigsten Defizite einer Verständigung über öffentliches Gedenken sichtbar werden: Wie wird der Erfolg gesichert? Wie wird die Situation definiert? Was ist der Selbstbezug der Denkmalsetzer? Nach meiner Kenntnis gibt es nur wenige Denkmale, deren Projektierung eine sorgfältige Beantwortung dieser Fragen voraus gegangen ist. Dies mag die Fruchtlosigkeit mancher öffentlicher Debatten und viele Missverständnisse der Rezipienten erklären.

Um die theoretischen Einsichten der Kommunikationssoziologie zu veranschaulichen, stelle ich in dieser Zusammenfassung an einigen Stellen vorläufige Überlegungen an, welche Schlussfolgerungen sich aus ihnen für Theorie und Praxis des Gedenkens ergeben. Erst ein später folgender Kommentar wird ausführlicher und an konkreten Projekten darstellen, wie die Kommunikationssoziologie auf memoriale Kontexte angewendet werden kann.

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Obwohl zum Verständnis des Phänomens der Kommunikation bereits seit dem 19. Jahrhundert wichtige Beiträge seitens der Philosophie (Wilhelm von Humboldt und Dilthey), der Psychologie (Bühler), der Sprachwissenschaften (de Saussure), der Literaturwissenschaften (Jakobson) und der Soziologie (Cooley und Mead) entwickelt wurden, kann von einer soziologischen Kommunikationstheorie erst seit der Mitte des 20. Jahrhunderts gesprochen werden. Interessanterweise wurde das erste rudimentäre kommunikationstheoretische Modell in den späten vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts von den amerikanischen Mathematikern und Ingenieuren Shannon und Weaver entwickelt, die im Auftrage eine Telefongesellschaft nach der Möglichkeit einer störungsfreien Übertragung von Telefonaten suchten. (22) Shannon und Weaver orientierten sich an einer damals üblichen Auffassung von Kommunikation als einer Übertragung oder einem Transport von Gütern: Der Sender verpackt seine Nachricht und schickt sie durch einen Kanal an einen Empfänger, der die Nachricht wieder auspackt. Entsprechend hieß das Modell, nach dem englischen Begriff für ein elektrisches Schaltsystem, Circuit-Modell.

Parallel mit der wachsenden Bedeutung von Kommunikationsprozessen in allen Subsystemen spätindustrieller Gesellschaften, von der Ökonomie über die Politik bis hin zur Kultur und zur Sozialisation, wuchs in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in der empirischen und theoretischen Soziologie das Interesse an Fragen der Kommunikation, z.B. der Massenkommunikation. Mittlerweile hat der Begriff der Kommunikation nach Ansicht des Autors das Potential, zum soziologischen Leitbegriff zu avancieren, um konkurrierende Theorien zu integrieren und die Leitfrage der Soziologie zu beantworten: Wie ist soziale Ordnung möglich? „Oder auch: Wie ist soziales Handeln möglich, wenn denn soziales Handeln eine Orientierung an anderen Handelnden voraussetzt? Wie können Menschen ihre Handlungen koordinieren und wie können sie kooperieren? Oder in Bezug auf die Kommunikation gefragt: Wie ist überhaupt Kommunikation möglich?“ (15) Für ihn ist das Besondere einer Soziologie der Kommunikation, dass sie einen analytischen Zusammenhang zwischen Kommunikation und sozialer Ordnung herstellt. Man könnte mit Blick auf das Gedenken auch sagen: dass sie verstehen hilft, wie zivilgesellschaftliche Verständigung möglich ist.

Im Zentrum soziologischer Kommunikationstheorien stehen folgende Fragen:

§         Welche (prozessualen) Bedingungen sind für die sinnhafte Kopplung einzelner Kommunikationsakte und für Entstehung und Verlauf von kommunikativen Prozessen konstitutiv?

§         Was bestimmt die inhaltlichen und medialen Auswahl-Entscheidungen, in der Sprache der Kommunikationssoziologie: die „Selektionen“, die die Kommunikatoren treffen? Kommunikationen selegieren zum Beispiel wenn sie bestimmte Intentionen verfolgen oder Informationen kommunizieren, sich in einem bestimmten Medium äußern oder Kommunikationen in einem bestimmten Sinne verstehen. Eine Selektion liegt immer dann vor, wenn die Kommunikatoren so oder auch anders kommunizieren könnten. Die Analyse der Selektionen beantwortet die Frage, warum Kommunikatoren sich so entscheiden, wie sie sich entscheiden, mag der Entscheidung nun eine rationale Abwägung der Alternativen vorausgegangen sein oder nicht.

§         In welchem sozialen Verhältnis müssen die Kommunikatoren zueinander stehen, damit Kommunikation gelingen kann und Anschlusskommunikationen möglich sind?

§         Was sind die objektiven sozialen Wissensbestände, über die die Kommunikatoren verfügen müssen, um an Kommunikationen teilzunehmen?

§         Mit Hilfe welcher Medien oder Zeichen und Symbole wird kommuniziert?

§         Und was sind die psychischen, sprachlichen und subjektiven Voraussetzungen der Kommunikatoren? (61-63)

Ich gehe im folgenden nur auf die wichtigsten Gesichtspunkte ein:

                                  

Prozessuale Bedingungen der Kommunikation

Der Autor unterscheidet zwischen kommunikativer Handlung und kommunikativem Akt. Eine kommunikative Handlung liegt dann vor, wenn ein Kommunikator seine Selektionen daran orientiert, dass ein anderer Kommunikator sie als solche begreift. A muss also bewusst oder unbewusst eine gewisse Intention haben, sich jemandem verständlich zu machen.

Ein kommunikativer Akt [VW1] kommt erst dann zustande, wenn sich der Kommunikationspartner B auf die Offerte von A einlässt und sie versteht, gleich ob er sie im Sinne von A richtig oder falsch versteht. B nimmt dabei, wie im folgenden gezeigt wird, eigene Selektionen vor und vollzieht so eine eigene kommunikative Handlung. Erst wenn ein kommunikativer Akt zustande kommt, kann im Sinne des Autors wirklich von Kommunikation gesprochen werden. Salopp formuliert, gehören immer zwei zu einer Kommunikation.

Kommt es zu einem kommunikativen Akt, dann besteht die Chance, die Kommunikation um weitere Akte in einem kommunikativen Prozess fortzusetzen. Kommunikative Handlung, kommunikativer Akt, kommunikativer Prozess: das sind nach der Darstellung des Autors die Struktureinheiten der Kommunikation. (64-69)

Kommunikative Akte bestehen aus zahlreichen Teilakten, die als Selektionen zu verstehen sind. Auf der Seite des „Senders“ bestehen sie aus den Selektionen der Information und der Mitteilung. Ein Beispiel: Frau A hat die Wahl, ihrem Mann entweder zu sagen, dass sie Kopfschmerzen hat, oder, dass es regnet. Sie entscheidet sich für die zweite Information und sagt: „Es regnet.“ So weit so gut. Aber was teilt sie mit? Vergiss den Regenschirm nicht! Oder: Lass uns lieber zu Hause bleiben! Oder spricht sie einen Vorwurf aus: Hättest du dich mehr beeilt, würden wir jetzt nicht nass werden? Wir wissen es nicht. Möglicherweise versteht ihr Mann die Mitteilung. – Der gleiche Informationsgehalt kann also für sehr verschiedene Mitteilungen eingesetzt werden. Es ist möglich, dass der Empfänger die Mitteilung falsch versteht, obwohl er den Informationsgehalt richtig erfasst.

Auch Herr A nimmt Selektionen vor, wenn ihn überhaupt die Kommunikation erreicht. Auf Seiten des „Empfängers“ einer Kommunikation unterscheidet die Kommunikationssoziologie zwischen der Bedeutung der Information und dem Sinn der Mitteilung. Herr A hat es nicht schwer, die Bedeutung der Information „Es regnet“ zu verstehen. Hätte seine Frau gesagt: „Mir geht es schlecht“, hätte er vielleicht nicht gewusst, ob es das kaputte Knie ist oder sich wieder die alten Rückenschmerzen melden. In dem Fall hätte Herr A wahrscheinlich eine Selektion vorgenommen und vielleicht gesagt „Schon wieder der Rücken“. Der Sinn der Mitteilung „Es regnet“ ist – anders als die Information als solche - mehrdeutig. Herr A kann die Aussage seiner Frau als Aufforderung verstehen, den Regenschirm zu holen, oder als Vorschlag, zu Hause zu bleiben, oder als Vorwurf, nicht rechtzeitig mit seiner Zeitungslektüre aufgehört zu haben, um spazieren zu gehen. (71-74)

Kommunikationen, das machen diese Ausführungen deutlich, stecken voller Selektionen, die wir in der Alltagskommunikation gar nicht wahrnehmen, ohne die aber kommunikative Prozesse nicht funktionieren können und deren Ablaufmuster die Kommunikationssoziologie sichtbar macht. Wenn Herr und Frau A auch in ihren trivialen Mitteilungen ständig auf einander bezogene Selektionen vornehmen, so unterstreicht das eine zentrale Einsicht der Kommunikationssoziologie, dass zu Kommunikationen immer mindestens zwei gehören, die sich wechselseitig aufeinander beziehen und ihre Kommunikationen mit Blick auf den anderen auswählen. Kommunikationen sind also reziprok, werden von gegenseitigen Erfahrungen und Erwartungen gesteuert, noch bevor der andere überhaupt etwas gesagt hat. Man weiß nie nichts über den anderen, wenn man meint, nichts zu wissen. Kommunikationen sind also keine einseitigen Verlautbarungen von A nach B. Sie sind alles andere als lineare Prozesse. B ist auch im Spiel, wenn er schweigt. Und wie wir wissen: auch wenn beide schweigen, kann das eine Mitteilung sein.

Die Anschlussfrage ist: Unter welchen Gesichtspunkten selegieren Kommunikatoren die Inhalte ihrer Beiträge und die Formen ihrer Vermittlung?

Selektionsprobleme der Kommunikation

Kommunikatoren orientieren sich zunächst an dem voraussichtlichen Erfolg ihrer Kommunikation. Sie verwerfen diejenigen Beiträge, die ohne Chance sind, angenommen zu werden. Zugleich orientieren sich ihre Selektionen an bestimmten Prägungen und Präferenzen, wie sozialen Normen, dem Eigennutz der Kommunikatoren, deren sozialer Position oder kulturellen Einflüssen. Je nach dem Selektionsfaktor, den kommunikationssoziologische Theorien für dominant erachten, unterscheidet man normorientierte, eigennutzorientierte, strukturtheoretische und kulturalistische Erklärungsansätze. (74-76) Soziologische Ansätze verzichten weitgehend auf die Berücksichtigung psychischer Faktoren. Für Luhmann gehört das „psychische System“ nicht zum System Gesellschaft, sondern zu seiner Umwelt. Dabei betont die Psychologie seit langem die Interaktion von sozialer und psychischer Dimension. Nach meiner Überzeugung wird man häufig auf psychologische Ansätze zurückgreifen müssen, wenn man verstehen will, warum Kommunikatoren diese und nicht andere Selektionen vorgenehmen. Wie die Kommunikation zwischen den Eheleuten A zeigt, sind Kommunikationen Beziehungshandlungen. Zu ihrem Verständnis hat z.B. die psychoanalytische Objektbeziehungstheorie Wesentliches beigetragen. „Die verschiedenen Objektbeziehungstheorien formulieren verschiedene Wege der Entstehung, der Erlebens und der Wirkung von Innenwelt und Außenwelt,“ schreibt Hinz in seinem Artikel über Objektbeziehungstheorien im „Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe“. (Hg. Mertens/Waldvogel, S. 502) Wer wollte leugnen, dass Kommunikation genau das ist: eine Brücke oder eine Kopplung zwischen Innenwelt und Außenwelt. - Dieser Gesichtspunkt soll in kommenden Beiträgen näher untersucht werden.

Sozialitätsbedingungen von Kommunikation

Zum Grundverständnis heutiger Kommunikationssoziologie gehört, dass Kommunikationen soziale Handlungen sind. Bereits Wilhelm von Humboldt sah im Sprechen eine Handlung, in der eine soziale Beziehung hergestellt wird. Aber was folgt daraus für die Kommunikationssoziologie?

 

„Unter Sozialitätsbedingungen sollen diejenigen Bedingungen und Voraussetzungen verstanden werden, die in sozialer Hinsicht für das Zustandekommen und Prozessieren von Kommunikation erforderlich sind. ... (a) Kommunikative Handlungen müssen als kommunikative Handlungen verstanden werden, damit sich kommunikative Akte als soziale Grundeinheiten bilden können, und (b) bei den Komponenten von Kommunikation handelt es sich um Selektionen, deren Selektivität die Kommunikatoren berücksichtigen und sich wechselseitig unterstellen müssen. Jede soziologische Kommunikationstheorie muss berücksichtigen, dass Kommunikatoren sich wechselseitig aneinander orientieren, um ihre Selektionen vornehmen zu können. Soziologische Kommunikationstheorien müssen also eine Ebene der wechselseitigen Orientierung oder der Koordinierung integrieren. Wenn man Kommunikationsprozesse rekonstruieren will, dann bedarf es der Analyse der die Kommunikation begleitenden Koorientierungen und der koorientierenden Prozesse.“ (78)

Das bedeutet: Kommunikationssoziologie befragt Kommunikationstexte auf die im Hintergrund mitlaufenden Kontexte und Subtexte, also auf das hin, was die Kommunikatoren mitteilen, ohne es zu sagen, und verstehen, weil es „in diesem Zusammenhang“ selbstverständlich ist. Kommunikation vollzieht sich auf der für einen Außenstehenden zunächst unsichtbaren Folie einer von den Kommunikatoren gemeinsam geteilten Lebenswelt, auf die sie Bezug nimmt. Diese teilen eine Sozialisation, ohne deren Kenntnis nicht verstanden und daher auch nicht erklärt werden kann, wie Kommunikationen gemeint sind und aufgenommen werden.

Wissensbedingungen der Kommunikation

Wer kommuniziert, muss vier Selektionen vornehmen, für die jeweils spezifische Kenntnisse erforderliche sind. Erstens, er muss die medialen Möglichkeiten, in einer Situation Informationen mitzuteilen, kennen. Zweitens muss er wissen, ob er in der Situation überhaupt sagen kann, was er sagen will. Drittens muss er die Möglichkeiten des Empfängers kennen, zu verstehen, was gesagt wird. Und viertens muss er wissen, was voraussichtlich die Anschlusshandlung des Empfängers sein wird.

Um diese Anforderungen zu erfüllen, braucht ein Kommunikator verschiedene Arten des Wissens:

§         Weltwissen: Allgemeines Wissen über die natürliche, soziale und kulturelle Welt.

§         Wissen um die Personen, die an der Kommunikation beteiligt sind.

§         Wissen um die in der Situation geeigneten Medien.

§         Besonders wichtig ist das Situationswissen. Dazu gehört die Kenntnis der allgemeinen Deutungsmuster von Situationen, der Situationsdefinitionen (Frames) sowie der typisierten Handlungsabläufe (Skripte). Die Begriffe werden unten noch ausführlich dargestellt werden. (80-82)

Reflexive Kommunikation

Wenn Kommunikatoren verstanden werden wollen, müssen sie zu verstehen geben, wie sie verstanden werden wollen, und ihre Beiträge entsprechend formatieren. Sie müssen wissen, dass sie verantwortlich für Erfolg oder Misserfolg der Kommunikation sind. Schützeichel nennt dies „reflexive Kommunikation“. Kommunikatoren antizipieren dabei die Bedingungen und Chancen der Kommunikation und stellen ihre Strategien auf die Kontexte und die Empfänger, z.B. deren kulturelle Codes, ab. Sie brauchen vor allen Dingen eine adäquate Situationsdefinition, damit die Kommunikation interaktiv verstanden werden kann.

„Jemand, der eine kommunikative Handlung verstehen will, muss sowohl die Handlung selbst wie auch den Kontext dieser Handlung in ihrer Bedeutung erfassen. Er muss (in einer doppelten Selektion) sowohl die Situation als auch die Handlung bestimmen.... Maßgeblich für die Produktion wie auch die Rezeption bzw. Interpretation von kommunikativen Handlungen ist also stets die Relation dieser Handlungen selbst zu dem Kontexten, der ihnen zugeschrieben wird. ... Kommunikative Akte sind auf ihr Verstehen hin angelegt. ... Dies kann allgemein als die Reflexivität von Kommunikation bezeichnet werden. Wenn wir uns vor Augen führen, dass sich kommunikative Handlungen immer in einem Kontext, in einem Rahmen, in einer Situation abspielen, dann heißt kommunikative Reflexivität, dass die kommunikativen Handlungen auch ihre Kontexte, ihren Rahmen, ihre Situation bzw. ihr System so präformieren, dass sie zu verstehen geben können, wie sie verstanden werden wollen. Bevor man in Kommunikationen überhaupt nutzenmaximierend oder dramaturgisch, wertrational oder emotional sich präsentieren und entsprechend seine Selektionen vornehmen kann, muss eines gesichert sein, nämlich dass die eigene Mitteilung auch von anderen verstanden werden kann. Grundlegend für alle anderen möglichen, darauf aufbauenden Selektionen ist also die Verständlichkeit der Mitteilung.“ (163)

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Schützeichel stellt ein breites Spektrum von Ansätzen soziologischer Kommunikationstheorien dar. Ich nenne nur Schütz´ und Luckmanns phänomenologische Soziologie der Lebenswelt, Garfinkels Ethnomethodologie, Searles Sprechakttheorie und Bourdieuxs Theorie des sprachlichen Tauschs. Jedoch widmet der Autor drei Theorien, die drei Richtungen der soziologischen Kommunikationstheorie repräsentieren, eine besonders ausführliche Dastellung: der Theorie des kommunikativen Handelns von Habermas, der Systemtheorie von Luhmann und der Theorie nutzenmaximierender  Rationalität. Habermas verfolgt mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns die Perspektive einer moralisch-politischen Philosophie herrschaftsfreier Verständigung. Für sie ist die Einhaltung von Regeln die Bedingung der Möglichkeit kommunikativen Handelns. Daher bezeichnet Schützeichel Habermas´ Theorie als „regelstrukturiert“. Luhmann dagegen verfolgt deskriptive Ziele. Für ihn ist Kommunikation selbstreferentiell. „Sie stiftet,“ wie der Autor schreibt, „in sich selbst Ordnung und ist daher auf `externe´ Parameter, seien es Intentionen ... oder Regeln, nicht angewiesen.“ (354) Bei Esser ist Kommunikation von Intentionen geleitet und an subjektivem Nutzen ausgerichtet. Sie ist Mittel zum Zweck. Esser will Kommunikation in ihren Bedingungen, Abläufen und Ergebnissen erklären.

Habermas und die kommunikative Rationalität der Kommunikation

Habermas unterscheidet zwischen strategischem erfolgsorientiertem und kommunikativem Handeln. Nur um Letzteres geht es hier. Kommunikatives Handeln zielt auf Verständigung und orientiert sich an drei Geltungsansprüchen: der Wahrheit, der Richtigkeit und der Wahrhaftigkeit. Kommunikatives Handeln ist „wahr“, sofern seine Darstellung von Sachverhalten der objektiven Welt zutreffend ist. Es ist „richtig“ auf der Ebene sozialer Beziehungen, insofern es sich an den geltenden Normen des Zusammenlebens orientiert. Und es ist „wahrhaftig“, weil es in seinen Äußerungen subjektiv aufrichtig ist.

Kommunikatives Handeln vollzieht sich in Sprechakten, die Habermas als Illokutionen bezeichnet. Bei einer Illokution handelt es sich um die Mitteilung eines Sprechers an einen Adressaten zum Zwecke der Verständigung über den Gegenstand seiner Aussage. Entscheidend ist dabei die Selbstbindung des Sprechers an ein Verständigungsziel. Die Illokution geht über die bloße Lokution hinaus, die lediglich eine Behauptung über Sachverhalte enthält. In der Illokution verbindet sich hingegen die Sachaussage mit einem bestimmten Modus, der den Geltungsanspruch der Aussage markiert, je nach dem ob es sich um eine Behauptung, eine Frage, ein Geständnis oder ein Befehl handelt.

Habermas legt Wert, dass nicht nur Propositionen, also Behauptungen , etwa der Wissenschaft, einen Geltungsanspruch besitzen, der rational begründet werden kann, sondern ebenfalls andere Kommunikationsmodi wie z.B. der Modus des Versprechens oder der Aufforderung. Im ersten Band seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ (S. 375 f.)  schreibt er dazu: „Es geht nicht nur darum, neben dem assertorischen Modus (einer Behauptung, V.W.) andere gleichberechtigte Modi der Sprachverwendung zuzulassen; für diese anderen Modi müssen vielmehr in ähnlicher Weise .... Geltungsansprüche und Weltbezüge nachgewiesen werden. In diese Richtung zielt mein Vorschlag, die illokutionäre Rolle nicht als irrationale Kraft dem propositionalen Bestandteil gegenüberzustellen, sondern als diejenige Komponente zu begreifen, die spezifiziert, welchen Geltungsanspruch ein Sprecher mit seiner Äußerung erhebt, wie er ihn erhebt und für was er ihn erhebt. Mit der illokutionären Kraft einer Äußerung kann ein Sprecher einen Hörer motivieren, sein Sprechangebot anzunehmen und damit eine rational motivierte Bindung einzugehen.“

Kommunikatives Handeln greift zurück auf das in der „Geltungsbasis der Rede“ verankerte Rationalitätspotenzial. Verständigungsorientierte Rationalität ist, so Schützeichel, „in der Sprache als dem Medium der Kommunikation angelegt, denn die Sprache weist nach Habermas ein Vernunftpotenzial auf, welches in kommunikativen Handlungen genutzt werden kann. Die Grundstruktur der Rationalität besteht darin, dass Akteure untereinander zu einer Verständigung darüber kommen wollen, welche Handlungsziele sie anstreben, wie sie diese erreichen wollen, wie die Situation ist, in der sie sich befinden.“ (215 f.)

 

Verständlichkeit, Akzeptabilität und die Fähigkeit, die Geltungsansprüche eigener Aussagen begründen zu können, sind die Bedingungen für den Erfolg von Illokutionen. „Der illokutionäre Erfolg, den ein Sprechakt haben kann, bemisst sich daran, ob die Geltungsansprüche, die mit ihm formuliert werden, auf intersubjektive Anerkennung stoßen. Die Rationalität der Kommunikation hängt also davon ab, (a) ob der Sprechakt akzeptabel ist, (b) ob der Sprecher Gründe für die Akzeptabilität beibringen kann und (c) ob er glaubwürdig darstellen kann, dass er die von ihm formulierten Geltungsansprüche auch diskursiv einlösen kann. Sie hängt also von der Verständlichkeit des Gesagten, von der Akzeptabilität bzw. dem illokutionären Erfolg, den ein Sprechakt haben kann, wie auch davon ab, ob das Gesagte gegebenenfalls gerechtfertigt, also in einem Diskurs eingelöst werden kann.“ (216 f.)

Aber was versteht Habermas unter Verständlichkeit? „Wir verstehen eine Sprechhandlung, wenn wir die Art von Gründen kennen, die ein Sprecher ausführen könnte, um einen Hörer davon zu überzeugen, dass er unter den gegebenen Umständen berechtigt ist, Gültigkeit für seine Äußerungen zu beanspruchen.“ (219) Mit anderen Worten: der Adressat muss wissen, mit welchen Gründen der Sprecher den von ihm erhobenen Geltungsanspruch untermauern könnte – also wie er das, was er sagt, begründen könnte.  Dieser Satz zeigt erneut, wie voraussetzungsvoll für Habermas kommunikative Verständigung ist und wie sehr sich in einzelnen Kommunikationen Sprecherkompetenz, Glaubwürdigkeit, Situationsbezogenheit und die Gültigkeit eines intersubjektiv geteilten normativen Horizonts verschränken.

Kommt es unter Sprechern zu keiner Verständigung, dann liegt die Lösung in einer Metakommunikation, dem Diskurs. „Wenn ein Sprecher diesen Geltungsansprüchen nicht in einer zufrieden stellenden Weise nachkommen kann, dann besteht nach Habermas die Möglichkeit, eine Metakommunikation, also eine Kommunikation über die Kommunikation zu führen. Habermas nennt dies Diskurse.“ (217) Der Diskurs ist das Medium, das demokratische Ordnungen integriert. In ihm können Bürger im vernunftgeleiteten Streit die Gültigkeit von Geltungsansprüchen eigener Interessen und Behauptungen aushandeln und so zu einer verbindlichen (Rechts-)Ordnung ihres Gemeinwesens finden. (206) Diskurse sind der Ausweg aus der Sackgasse der Verständigung unter Bürgern, allerdings aufwändige, möglicherweise nicht endende „Auswege“, die in die Tiefen der Begründung von Geltungsansprüchen führen. Letztlich entscheidet die Überzeugungskraft des besseren Arguments.

„Diskurse haben die Funktion, problematische Geltungsansprüche zu thematisieren. Diskurse sind zwanglose Kommunikationen, in denen ... nur ein Zwang erlaubt ist, nämlich der Zwang, seine Ansichten begründen zu müssen. Alle anderen äußeren Bedingungen wie auch inneren Motivlagen sind zu suspendieren – sie dürfen in der diskursiven Verständigung über Geltungsansprüche keine Rolle spielen. Entsprechend den involvierten Geltungsansprüchen unterscheidet Habermas zwischen verschiedenen Diskursformen:

§         Der problematische Geltungsanspruch der Wahrheit einer propositionalen Aussage über die objektive Welt wird in theoretischen Diskursen verhandelt.

§         Der problematische Geltungsanspruch der Richtigkeit von Handlungsnormen in der sozialen Welt wird in moralisch-praktischen Diskursen verhandelt. Neben den Handlungsnormen können auch Wertstandards, zum Beispiel im ästhetischen Handeln, problematisch werden – die Angemessenheit von Wertstandards wird in der Diskursform der ästhetischen Kritik thematisiert.

§         Der problematische Geltungsanspruch der Wahrhaftigkeit von expressiven Handlungen, die sich auf die subjektive Welt von Sprechern beziehen, wird in der Diskursform der therapeutischen Kritik behandelt.“ (217)

Habermas unterscheidet theoretische Diskurse, die eine propositionale Aussage über die objektive Welt thematisieren, moralisch-politische Diskurse, in denen über Handlungsnormen gestritten wird, ästhetische Diskurses, die sich an künstlerischen Wertstandards orientieren, und therapeutische Diskurse, in denen es um subjektive Erfahrungen geht.

Schließlich betont seine Theorie wie die meisten anderen soziologischen Kommunikationstheorien die Situationsgebundenheit von Kommunikationen. Kommunikationen finden vor dem Horizont einer Lebenswelt statt und sind in kulturelle Kontexte einbezogen. Dies gilt insbesondere für verständigungsorientierte Kommunikationen. „Sprachliche Handlungen sind immer in besondere Kontexte eingebettet. Sie finden stets in spezifischen Situationen statt, und es werden auch immer nur ganz spezifische Themen verhandelt und erörtert und damit nur ganz spezifische Weltbezüge in den Blick genommen. Situationen stellen nach Habermas einen bestimmten Ausschnitt der Lebenswelt dar, und zwar einen Ausschnitt, der einen Verständigungsbedarf zwischen Handelnden bei konkreten Handlungsproblemen erkennen lässt. Diese sozialen Situationen sind aber eingebettet in einen umfassenderen Horizont des Nichtthematisierten, des Nichtproblematisierten und der als gemeinsam unterstellten Überzeugungen. Dieser Horizont bildet den Hintergrund für jegliche situative Verständigung, und er wandert als Horizont auch von Situation zu Situation mit. Diesen Horizont nennt Habermas Lebenswelt. Die Lebenswelt stellt den Korrelatbegriff zum kommunikativen Handeln dar.“ (229)

Luhmann und die Selbstreferenz der Kommunikation

Luhmanns kommunikationstheoretische Ausgangsfrage ist: Wie ist Kommunikation möglich? Dass sie möglich ist, bestreitet er nicht. Aber was sind die Bedingungen dafür, dass wir kommunizieren können? Dabei verwendet Luhmann einen denkbar weiten und hoch formalisierten Kommunikationsbegriff, der sich stark von dem alltagssprachlichen Begriff  abhebt und sich nicht an spezifischen Kommunikationsformen orientiert: weder an sprachlicher oder medialer Kommunikation, noch an der Kommunikation von Emotionen durch Individuen oder Anweisungen seitens Organisationen und auch nicht an der Kommunikation des globalen ökonomischen Systems. Ihm geht es vielmehr um einen Begriff von Kommunikation, der in der Lage ist, alle Formen und Ebenen der Kommunikation zu umfassen. (243 f.)

Dabei spielt der Begriff der Selektion, der oben schon von Schützeichel in seine analytische Matrix aufgenommen wurde, eine zentrale Rolle. Für Luhmann ist Kommunikation die Synthese von vier Selektionen, die aneinander anschließen.  Diese Selektionen sind Information und Mitteilung (seitens A) und Verstehen und Annahme oder Ablehnung einer Kommunikationsofferte (seitens B). Die ersten drei Selektionen, Information, Mitteilung und Verstehen, bilden zusammen (!) einen (!) Kommunikationsakt. Aber ein Kommunikationsakt macht in Luhmanns Verständnis noch keinen „Sinn“. Es bedarf eines weiteren Aktes. Dazu muss die Kommunikationsofferte seitens B angenommen oder abgelehnt werden. „Kommunikation baut sich der Systemtheorie zufolge aus diesen vier Selektionen auf, und nur diese vier Selektionen werden in der Kommunikation prozessiert.“ (251)

 

Selektionen sind wie gesagt Auswahlen aus Möglichkeiten. Das heißt, sie könnten so oder auch ganz anders verlaufen. Ihr Sinn liegt einzig darin, dass sie „so“ sind. Denn wären sie nicht „so“, sondern „anders“, machten sie einen anderen Sinn. In einer komplexen Situation zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten eine Selektion zu treffen, produziert aus sich heraus Sinn. „Sinn wird von Luhmann also nicht auf Zwecke und Werte bezogen, sondern auf Selektionen und Differenzen. Von daher kann er auch sagen, dass Sinn eigentlich das grundlegende Medium des Erlebens, Handelns und Kommunizierens von Menschen darstellt. Wann immer erlebt, gehandelt und kommuniziert wird, ist Sinn involviert – ansonsten hätten wir es mit Naturabläufen zu tun.“ (245)

Anders als die Handlungstheorie, die von Akteur A ausgeht und dessen Handeln als intentional auf andere Akteure gerichtet und insofern als sinnhaft versteht, geht die Systemtheorie Luhmanns vom Akteur B, also von der Seite des Verstehens einer Kommunikation aus. Sie muss von B ausgehen, da ihre Frage ist, wie sich A und B und möglicherweise folgende Kommunikationen aneinander anschließen. Der Begriff Sinn liegt auf der System-Ebene, nicht auf der Ebene individueller Intentionen und Handlungen. Man kann sich vereinfacht Gesellschaft im systemtheoretischen Verständnis als ein Netz von Kommunikationen vorstellen, in denen Selektionen vorgenommen werden und damit Sinn produziert wird. Sinn ist sozusagen die Ordnung der Gesellschaft und damit der Zentralbegriff der soziologischen Theorie Luhmanns.

Aber wie kann gewährleistet werden, dass Personen in Situationen so kommunizieren, dass ihre Beiträge Sinn machen? Dazu dient im Kontext der Luhmannschen Theorie unter anderem der Code. Der Code eines sozialen Systems gibt an, „was erwartbar ist und was nicht. Codes stecken Relevanzrahmen ab, sie definieren die Situation, und sie geben innerhalb einer so definierten Situation Werte vor, wie etwas beobachtet werden kann. Codes sind zweiwertige Schemata, die einen Innen- und einen Außenhorizont bestimmen ... Codes können ... sehr spezialisiert sein und für besondere Zwecke eingerichtet werden. In dem Fall sorgen sie für die Einrichtung und Perpetuierung spezifischer sozialer Situationen bzw. Kommunikation, z.B. solche der Ökonomie, Politik, Religion oder Medizin. Es ist eine der Voraussetzungen von und für Kommunikation, dass diese Codes von den Kommunikatoren in einer annähernd standardisierten Form wechselseitig vorausgesetzt werden können.“ (255)

Aber was sind Personen bei Luhmann? Sie sind Rollenträger, die, indem sie kommunizieren und Selektionen vornehmen, eine Funktion im System Gesellschaft erfüllen. „In sozialen Systemen ... erscheinen Individuen immer nur als Rollenträger, als typisierte Handlungsträger, deren Bewusstsein(e) füreinander nicht transparent ist.“ (256) Das, was alltagssprachlich als Person verstanden wird, ist für Luhmann ein eigenes, ein psychisches System, das nicht Teil des Systems Gesellschaft ist. Kommunikationen sind – das ist die Schlussfolgerung aus dieser Theorieentscheidung - keine „Übertragung von Sinn, von Information oder von Botschaften von einem Sender auf einen Empfänger....“ (254) Sie greifen nicht auf das zurück, „was gedacht oder gefühlt oder wahrgenommen wird, sondern nur auf das, was entsprechend kommuniziert wird. Das Bewusstsein der Menschen bleibt dabei außen vor. Es gehört zur Umwelt sozialer Systeme.“ (261) Die Systeme Gesellschaft und Psyche„arbeiten mit keinen anderen Informationen als denjenigen, die sie selbst in ihrem Operieren erzeugen.“ (254)

Beide Systeme Gesellschaft und Psyche operieren zwar selbstreferentiell, sind aber aneinander gekoppelt, und zwar über die Funktionsstelle „Person“. Sie macht es möglich, dass sich gesellschaftliche Systeme an den psychischen Systemen als Teil ihrer Umwelt „orientieren“ können. Personen sind mehr oder weniger Bilder, die sich Menschen von Menschen machen, um mit ihnen überhaupt kommunizieren zu können. Ohne solche Bilder oder Zuschreibungen geht es nicht. Sie müssen nicht „stimmen“. Luhmann nennt sie daher Zumutungen. „(Personen) stellen ein Kompensat für die Intransparenz der psychischen Systeme füreinander dar ... Man hat keinen Einblick in die psychischen Systeme, mit denen man kommuniziert, aber man kennt in unterschiedlichen Graden die Personen, die an den psychischen Systemen haften und ihnen zugemutet werden ... Personen sind also keine Systeme, sondern Zumutungen, die von Beobachtern getroffen werden. Es handelt sich um `individuell attribuierte Einschränkungen von Verhaltensmöglichkeiten.´“ (264) „Kommunikation macht es möglich, dass die beteiligten Systeme sich wechselseitig konditionieren, also Erwartungsstrukturen ausbilden.“ (269)

Wie eingangs erwähnt, stellt Luhmann die Frage: Wie sind Kommunikationen überhaupt möglich? Dass sie möglich sind, ist keineswegs immer gesichert. Das soll hier noch einmal unterstrichen werden. Nach Luhmann haben Kommunikationen eine hochgradig prekäre Qualität. Sie sind unwahrscheinlich. Sie müssen ständig Selektionen treffen. Kommunikatoren stehen immer unter dem Druck der Kontingenz, d.h. sie müssen sich „entscheiden“, „sich“ so oder auch anders „auszudrücken“. Ja, Kommunikationen sind sogar doppelt kontingent. Sie sind immer mit der Unsicherheit belastet, dass man nicht weiß, wie das Gegenüber reagiert; denn auch dieses kann sich so oder anders äußern und dabei seinerseits, die Kontingenz möglicher Reaktionen seines Gesprächspartners in Kalkül ziehen. Insofern ist der Erfolg von Kommunikationen prinzipiell unsicher.

Kommunikation nur als Botschaft eines „Senders“ zu verstehen, würde ihrer voraussetzungsvollen Natur nicht gerecht. Kommunikation produziert Sinn nicht schon aus sich heraus als Mitteilung, sondern erst, wenn sie verstanden wird. Der Kommunikationspartner muss dazu eine eigenständige Anschlusshandlung vornehmen, indem er zwischen Mitteilung und Information differenziert und die Offerte annimmt oder ablehnt. In der Perspektive Luhmanns entscheidet letztlich nicht der „Sender“, sondern der „Empfänger“ über Erfolg oder Misserfolg einer Kommunikation. Ob eine Kommunikation erfolgreich sein wird, bleibt also offen. Umso mehr kommt es auf den Sender darauf an, dass er alles Notwendige unternimmt, was die Wahrscheinlich eines Erfolgs der Kommunikation vergrößert. Dies erfordert, die Voraussetzungen und Abläufe von Kommunikationen zu kennen und diese Kenntnisse kompetent anzuwenden. Die Kommunikationssoziologie stellt Wissen und Konzepte bereit, die dazu beitragen können.

Esser und die nutzenmaximierende Rationalität der Kommunikation

Esser bietet im Rahmen seiner Theorie des „Strukturtheoretischen Individualismus“ das differenzierteste Instrumentarium für die Beschreibung und Erklärung kommunikativer Prozesse. Zugleich erlaubt seine Theorie bei aller Verschiedenheit des theoretischen Bezugsrahmens Elemente der kommunikativen Handlungstheorie von Habermas und der Systemtheorie Luhmanns zu integrieren. Aus diesen Gründen gehe ich besonders ausführlich auf Essers Ansatz ein. Ich strukturiere die Darstellung nach folgenden Gesichtspunkten: Soziale Handlung, Kommunikation, Situationsbezug, Selektionen, Werterwartung. Ihr Zusammenhang lässt sich vorläufig folgendermaßen beschreiben: Kommunikationen sind soziale Handlungen, bei denen Akteure unter Berücksichtigung  der jeweiligen Situation bestimmte Selektionen unter dem Gesichtspunkt des zu erwartenden (subjektiven) Werts treffen.

„Essers Zentralbegriff ist derjenige des sozialen Handelns. Soziales Handeln liegt dann vor, wenn in sozialen Situationen gehandelt wird, in Situationen also, in denen mindestens zwei Akteure in Bezug aufeinander handeln. Und wie bei Parsons oder Luhmann sind auch bei Esser soziale Situationen durch doppelte Kontingenz gekennzeichnet, d.h. nicht nur die Situationsdefinitionen und Erwartungen eines Akteurs sind für sein Handeln und die Resultate seiner Handlung maßgeblich, sondern auch die Bewertungen und Erwartungen des oder der anderen Beteiligten.“ (300) Jeder, der kommuniziert, muss also, will er rationale Entscheidungen treffen und die Chance seines Kommunikationserfolges verbessern, das voraussichtliche Kalkül seines Kommunikationspartners in sein eigenes Kalkül einstellen. Er muss zumindest begründete Vermutungen über die Wirkungen seiner Kommunikation anstellen und einen „antizipativen Horizont“ als Teil seiner Situationsdefinition entwickeln, will er zu einer realistischen Abwägung seiner Wahlmöglichkeiten kommen.

Esser unterscheidet drei Gruppen des sozialen Handelns. Beim strategischen Handeln stehen die materiellen Interessen der Akteure im Vordergrund. Bei sozialen Beziehungen sind es die normativen und institutionellen Faktoren. Bei Interaktionen schließlich ist der kulturelle Aspekt der wechselseitigen Orientierung an Zeichen und Symbolen zentral. Unter den drei Formen der Interaktion, die Esser unterscheidet: der gedanklichen Koorientierung, der symbolischen Interaktion und der Kommunikation, ist letztere die anspruchsvollste Form. Kommunikation setzt gedankliche Koorientierung der Akteure auf der Basis eines gemeinsamen Hintergrundwissens voraus, verlangt eine Verständigung an symbolischen Gesten und darüber hinaus eine Orientierung an gemeinsam geteilten Zeichen und Medien mit festen Regelsystemen und klaren Bedeutungen. (301)

Kommunikationen sind spezifische Formen symbolischer Interaktionen, und zwar solche, in denen die Kommunikation über die unmittelbare leibliche Co-Präsenz von Akteuren hinaus getragen werden kann, dadurch dass sie auf Medien zurückgreifen kann. Kommunikation löst ganz spezifische Probleme in der Genese sozialer Ordnung, und zwar ermöglicht sie die strukturelle Kopplung zwischen Akteuren auch über räumliche, zeitliche und kulturelle Distanzen hinweg. Sender und Empfänger sind strukturell dann gekoppelt, wenn sie einander erreichen können. ... die Medialität der Kommunikation hat nicht nur die Funktion, die Möglichkeit der Bildung struktureller Kopplung zu erweitern, sondern sie wirkt auch insofern auf die Kommunikation selbst zurück, als sie Metakommunikation ermöglicht und damit die Selektivität des kommunikativen Prozesses erhöht.“ (304 f.) So ließe sich sagen, dass memoriale Kommunikationen, die über das „Medium Denkmal“ funktionieren, häufig Metakommunikationen auslösen, z. B. in Form von Debatten über den Sinn von Denkmalen.

Kommunikationen sind Handlungen, die, ohne wie bei Habermas moralisch aufgeladen zu sein, zu kommunikativen Zwecken eingesetzt werden, die gedankliche Koorientierung von Akteuren erfordert, die mit symbolischen und medialen Mitteln ihre Ziele verfolgen und die wie andere Handlungen auch Selektionen vornehmen müssen, die der Erreichung ihrer Ziele dienlich sind. Die Schwierigkeiten der Akteure, die richtigen zielführenden Selektionen zu treffen, sind dabei besonders vielfältig: Die Akteure sind nicht leiblich kopräsent, sie bedienen sich z. T. deutungsoffener Symbole, ihre Kommunikationen erfordern Koorientierungen über möglicherweise kontroverse Themen, ihre Zielsetzungen bestehen nicht in der Durchsetzung harter egoistischer Interessen, wie es der Fall beim strategischen Handeln ist, sondern in den weichen Zielen einer Verständigung mit dem Kommunikationspartner und darin, ihn von den eigenen Selektionen soweit zu überzeugen, dass er die Orientierungen, die ihm angeboten werden, akzeptiert und sei es in der Form einer berechtigten und weiterführenden Fragestellung. Absicht und Erfolg einer Kommunikation stimmen daher nicht immer überein. Die Absichten sind sogar oft nicht entscheidend für den Erfolg. „Entscheidend aber ist, dass die Akteure um die Differenz wissen und sich darauf in Kommunikationen einstellen.“ (306) Man sieht an solchen Formulierungen die zumindest auf analytischer Ebene bestehende Anschlussfähigkeit der Esserschen Theorie an die Theorie des kommunikativen Handelns von Habermas, für den Kommunikation nicht die Aufgabe hat, Differenzen zu beseitigen, sondern „gemeinsam eingestellt zu sein“, was bei Habermas so viel heißt wie, zu einer Verständigung über die Gründe von Geltungsansprüchen von Kommunikationsbeiträgen zu kommen.

Noch differenzierter als Luhmann gliedert Esser die lange Kette der Selektionen, die vorgenommen werden müssen, soll eine Kommunikation zustande kommen. Dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass – wie der Autor ausführt – für Esser eine Kommunikation nur dann „vollständig“ ist, wenn der Empfänger eine Anschlusskommunikation vornimmt und so aus dem einmaligen Kommunikationsakt ein fortlaufender Kommunikationsprozess wird.

Da gerade beim Thema Gedenken Selektionen nicht als solche erkannt, vielmehr die jeweilig präferierten Selektionen von den verschiedenen Akteuren oft als die „einzig möglichen“ hingestellt werden, soll hier in einem längeren Zitat noch einmal sozusagen das Panorama der Selektionen entrollt werden:

„Hinsichtlich der Komponenten unterscheidet Esser ... zwischen den Selektionen eines Senders und den Selektionen eines Empfängers. Ein Sender entscheidet über die Informationen, die er mitteilen will, und über die Art und Weise der Mitteilung. Und eine dritte Entscheidung trifft der Sender über die Art der Differenz zwischen Mitteilung und Information, d.h. wie er welche Information mitteilen möchte. Diese mitgeteilten Informationen müssen auf der Basis eines bestimmten Mediums den Empfänger erreichen. Durch das Erreichen des Empfängers ist noch nicht viel bewirkt, denn die mitgeteilte Information muss die Selektionen passieren, die von einem Empfänger vorgenommen werden. Hierbei handelt es sich um drei Teilselektionen: das Verstehen der Mitteilung, die Rezeption der Information in einer den Empfänger festlegenden Weise und schließlich die Wirkung der mitgeteilten Information in der Hinsicht, dass der Empfänger in Bezug auf die mitgeteilte Information handelt.“ (306)

„Esser gliedert also den kompakteren Begriff des Verstehens bei Luhmann auf und differenziert zwischen (a) Verstehen als der Decodierung der Mitteilung und der Rekonstruktion der Bedeutung der Information, und (b) der Rezeption der Information in der Hinsicht, ob ein Akteur die so verstandene Information auch in seine Vorstellungswelt und sein Wissen integriert, ob er ihr also zustimmt oder nicht. Auch bei diesen drei Teilselektionen auf Seiten des Empfängers handelt es sich in der Regel um ein absichtsvolles, intentionales Handeln. Die Einheit dieser drei Schritte von (a) Information und Mitteilung (als den Selektionen des Senders), (b) dem Erreichen des Senders (bewirkt durch ein Medium der Kommunikation) und (c) dem Verstehen, der Rezeption und der selektiven Wirkung (als den Selektionen des Empfängers) nennt Esser die `Einheit der Kommunikation´.“ (306 f.)

Wer kommunizieren will, muss eine realistische Situationsdefinition vornehmen, wenn er nicht von vornherein auf den Erfolg seiner Kommunikation verzichten will und mehr vorhat, als sich auszusprechen oder eigene Überzeugungen durchzusetzen. Der richtige Einsatz symbolischer Gesten, der angemessene Gebrauch von Medien und das Erreichen einer gemeinsamen Koorientierung setzen voraus, dass der Akteur weiß, was die Situation ist. Er muss eine zureichende Situationsdefinition vornehmen, wenn er seine kommunikativen Ziele erreichen will.

Zwei Theoretiker, deren Programm der Ethnomethodologie ebenfalls bei Esser dargestellt wird, Garfinkel und Sacks, sprechen von der „Indexikalität der Kommunikation“. (179) Das heißt: „Jede Kommunikation wird in einem bestimmten Kontext realisiert ... Sie bekommt ihren Sinn nur in Bezug auf die lokale, spezifische Situation, in der sie stattfindet.“ (179) Aber während die Ethnomethologie betont, dass Kommunikation immer auch ihre eigene Kontexte schafft, betont Essers strukturtheoretischer Individualismus die Abhängigkeit nutzenmaximierender Kommunikation von gegebenen Situationen, ohne in Abrede zu stellen, dass Kommunikation auch neue Situationen schafft. Wäre dies ausgeschlossen, fände sie nicht statt.

Die Situationsdefinition gehört bei Esser zum so genannten Framing. Zum Framing gehört ein Modell für eine Situationsdefinition, ein Frame. Er beinhaltet einen Code, unter dem eine Situation wahrgenommen wird. So sind zum Beispiel Verkaufsgespräche und Nachbarschaftsschwatz unterschiedlich codiert. Ferner gehören zum Framing ein Skript, also ein Programm für das weitere Handeln. Wer mit dem Nachbarn kommuniziert, kommuniziert anders als mit dem Verkäufer eines Radiogeschäftes. Und wer mit dem Nachbarn A kommuniziert, hat möglicherweise ein anderes „Programm“ als bei der Kommunikation mit Nachbarn B. Situationsdefinition und Skript fasst Esser mit dem Oberbegriff kognitiver Rahmen zusammen. „Bei Frames und Skripts handelt es sich um stark vereinfachende Modelle für die Situation und mögliche Handlungen.“ (297)

„Unter Framing versteht Esser die Wahl einer Orientierung und die Aktivierung einer spezifischen Einstellung in einer Handlungssituation. Eine Situation wird durch ein Framing auf eine zweifache Weise bestimmt. Es wird ein kognitiver Rahmen, ein Modell für die Definition der Situation bestimmt, wozu auch ein Skript, ein Handlungsprogramm für das weitere Handeln gehört, und es wird ein bestimmter Modus bestimmt, auf welche Weise Informationen verarbeitet werden. Ein Frame beinhaltet z.B. als Oberziel einen spezifischen Code, unter dem eine Situation perzipiert wird.“ (297)

Der Begriff des Modus bezieht sich darauf, dass kognitive Rahmen keineswegs immer reflexiv-kalkulierend aktiviert, sondern oft spontan-automatisch eingesetzt werden. Die meisten Kommunikationen finden ohne eine reflektierte Situationsdefinition und ohne ein kalkuliertes Handlungsprogramm ab. Sie laufen routiniert und intuitiv ab. Das heißt aber nicht, dass sie Kommunikationen nicht steuern würden. Esser bezeichnet diese beiden Alternativen des reflexiven bzw. spontanen Ablaufs als Modus. Aus den Unterscheidungen „Situationsdefinition und Skript“ einerseits und „reflexiv-kalkulierend versus spontan-automatisch“ andererseits ergeben sich für Esser, dass das Framing aus vier Selektionen besteht. „Es werden ein Frame und ein Frame-Modus, ein Skript und ein Skript-Modus gewählt.“ (297) Wer zum Radiohändler geht, wird sich vorher sein Kommunikationsprogramm soweit überlegt haben, dass er weiß, was für ein Gerät er kaufen will. Das ist sein Skript. Aber er wird im Laden automatisch den Frame „Verkaufssituation“ wählen. Eine Selektion vorzunehmen, bedeutet in den meisten Alltagssituationen eine spontane Wahl zu treffen. Für öffentliche Kommunikation über historische Themen sind solche unbewussten Selektionen zwar ebenfalls verbreitet, aber mit dem Risiko behaftet, nicht oder falsch verstanden zu werden. Gerade beim Gedenken an eine belastete Vergangenheit hat das Unbewusste seine Hand im Spiel und agiert „hinter unserem Rücken“.

Unter den Bedingungen doppelter Kontingenz gilt für den Kommunikationspartner, dass er komplementäre Selektionen zu denen des „Senders“ vornehmen muss. Auch er muss, ob bewusst oder unbewusst, eine Situationsdefinition vornehmen.  „In jedes Empfangen oder Verstehen von kommunikativen Handlungen gehört ein Framing, in welchem unterschiedliche Selektionen selektiert werden. Um erklären zu können, wie und wieso ein Empfänger auf eine kommunikative Offerte in einer bestimmten Hinsicht reagiert, ist es vonnöten, sein Framing dieser kommunikativen Offerte in einer spezifischen Handlungssituation zu rekonstruieren.“ (298) So wird jeder, der an einer Kommunikation teilnimmt, nach Möglichkeit die Annahmen und Intentionen berücksichtigen, die die Kommunikation seines Partners bestimmt haben oder noch bestimmen werden. Dabei reduziert der spontan-automatische Modus den Aufwand der Kommunikation, der reflexiv-kalkulierende dagegen erhöht in der Regel ihre Erfolgschancen.

Aber unter welchem Gesichtspunkt oder nach welchem Kalkül werden Selektionen wahrgenommen? Nach Esser richten sich spontane wie kalkulierte Selektionen nach der Werterwartung. Was unter Werterwartung zu verstehen ist, hat Esser in seiner Wert-Erwartungstheorie erläutert. Jedes Handeln hat voraussichtlich mehr oder weniger erwünschte Folgen. Der Akteur entscheidet sich für die Alternative, die ihm den größten subjektiven Nutzen erbringt. „Die Nutzenerwartung einer Handlung ergibt sich also aus dem Produkt der Wahrscheinlichkeit, mit der einer Handlung gewisse Folgen zugerechnet werden, und dem bewerteten Nutzen.“ Nutzen wird als ein „Gefühl der Zuträglichkeit“ (Esser) verstanden. (296) Auch wenn der Begriff der „nutzenmaximierenden Rationalität“, mit dem der Autor sein Kapitel über Esser überschreibt, nach kalter ökonomischer Rationalität aussieht, so ist doch unter Nutzen nicht notwendig ein wirtschaftlicher Gewinn zu verstehen. Der Nutzen einer Reise kann idealerweise in der Erholung bestehen, der eines wissenschaftlichen Werkes im Erkenntnisgewinn. Das Gefühl der Zuträglichkeit, das sich bei einer Erwartung einstellt, ergibt sich aus dem subjektiven Nutzen und der Wahrscheinlichkeit, mit der sich dem eigenen berechtigten oder unberechtigten Ermessen zufolge dieser Nutzen einstellt. Esser hat diese Zusammenhänge in einfachen Kalkülen formalisiert.

Auch in scheinbar objektive Situationsdefinitionen gehen Nutzenerwartungen als Selektionsweichen ein. Wer sich zum Beispiel seinen Traum von der wirtschaftlichen Selbstständigkeit im eigenen Unternehmen erfüllen will, wird dazu neigen, sich seine Ertragserwartungen schön zu rechnen. Wer dagegen vor allem Risiken vermeiden will, wird möglicherweise die wirtschaftliche Situation völlig anders sehen. Ähnlich liegen die Dinge, wenn es um das Gedenken geht. Auch hier geht es um einen subjektiven Nutzen und die ebenfalls subjektive Bewertung der Wahrscheinlichkeit, mit der er sich einstellt. Zu den Elementen der Definition einer Gedenksituation gehören Annahmen über die Einstellungen der Bevölkerung zu dem Thema, das memorialisiert werden soll. Wer in seiner Biographie neurotisiert worden ist und als Denkmalsetzer seine Konflikte bei der Thematisierung eines geschichtlichen Stoffes abwehren muss, wird dazu neigen, sie auf die Bevölkerung zu projizieren und davon auszugehen, sie sei unbelehrbar. Er wird daher möglicherweise zu drastischen Mitteln und zu einer Pädagogisierung des Stoffes greifen. Einer solch projektiven Deutung objektiver Situationen im Lichte subjektiver Nutzenerwartungen kann man nur entgegenwirken, indem man Situationsdeutungen expliziert und zum Gegenstand öffentlicher Diskurse zum Beispiel über empirische Befunde über die Einstellung einer Bevölkerung macht.

Die Stärke von Essers Ansatz liegt darin, dass er – anders als Luhmann, Habermas, Schütz und andere – mit Hilfe der Wert-Erwartungstheorie kommunikative Prozesse in ihrem Ablauf, d.h. in der Folge ihrer Selektionen, erklären kann. Mit Hilfe dieser Theorie lassen sich alle vier entscheidenden Selektionen erklären: (a) die Selektionen des Senders, d.h. seine Information und Mitteilung, (b) die Selektionen des Empfängers, d.h. sein Verstehen bzw. Nicht-Verstehen der Mitteilung und seine Rezeption der Information und seine Anschlusshandlung an die Annahme der Offerte. Sie erst sichert den kommunikativen Erfolg der Mitteilung des Senders. (314-316)

***

Schützeichel geht es vor allem um die Frage, „welche Konzeptualisierungen für die Analyse von Kommunikationen von Seiten soziologischer Theorien angeboten werden.“ (345) In seinem Schlusskapitel gibt er eine Synopse der Beiträge der vorgestellten Ansätze zur Erklärung der fünf „verschiedenen Bedingungen für die Möglichkeit von Kommunikation“ (62)

- Prozessuale Bedingungen: Alle hier vorgestellten soziologischen Ansätze betonen den prozessualen Charakter von Kommunikation und gehen davon aus, dass Kommunikation in einer Sequenz von drei oder vier Selektionen bestehen: der der Informationen und Mitteilung, der des Verstehens und der der Anschlusshandlung bzw. der Folgekommunikation. Besonders ausgeprägt ist das Interesse an den prozessualen Fragen bei Luhmann und Esser. Bei Luhmann ist Kommunikation selbstreferentiell auf Kommunikation bezogen. Kommunikation ist ein Sequenz von Information, Mitteilung und Verstehen. Auch Esser geht von einer Sequenz von Selektionen (306 ff.) aus, konzentriert sich aber in seinem explanativen Ansatz auf die Frage, warum jeweils diese und nicht andere Selektionen getroffen werden. (347-349)

- Selektionsbedingungen: Die verschiedenen Ansätze setzen bei der Erklärung der einzelnen Selektionen sehr unterschiedliche Akzente. Der phänomenologische Ansatz von Schütz betont die Bedeutung von Typisierungen, Esser betont die Rolle sozialer (normativer, kultureller und materieller) Strukturen und die Bedeutung der Orientierung an der Nutzenoptimierung bei der Wahl unter Optionen. Dabei schließen sich die verschiedenen Ansätze keineswegs aus, sie können vielmehr kombiniert werden. (349-351)

- Sozialitätsbedingungen: Fast alle Ansätze gehen davon aus, dass Kommunikationsprozesse von einer Koorientiertheit der Kommunikationspartner über die Ziele und Intentionen der Kommunikation sowie über die Situation erfordern. (351 f.)

- Wissensbedingungen: Bei der Frage, welche Wissensbedingungen (in der Form von Frames und Skripten z.B.) gegeben sein müssen, damit eine Kommunikation zustande kommt, gehen die Ansätze stark auseinander. Den epistemischen Maximalisten wie Mead und Habermas, die ein gemeinsam geteiltes Wissen und ein gemeinsames Zeichensystem voraussetzen, stehen die epistemischen Minimalisten wie der Ethnomethologe Garfinkel und der Systemtheoretiker Luhmann gegenüber, die auf solche Voraussetzungen weitgehend verzichten. Nach ihrem theoretischen Verständnis schafft Kommunikation ihre eigenen Voraussetzungen. (352)

- Mediale Bedingungen: Alle Ansätze sind sich einig, dass die Sprache das dominante Medium ist. Schützeichel stellt dagegen die Frage: „Muss die soziologische Kommunikationstheorie nicht auch stärker die Eigenschaften von schriftlicher oder visuellen oder massenmedialer Kommunikation berücksichtigen?“ (352)

***

In einem später folgenden Kommentar sollen unter anderen folgende Fragen aufgeworfen werden:

- Was leistet die Kommunikationssoziologie für das Verständnis von Gedenkprozessen, für die Sicherung ihrer Ziele und für die Analyse ihrer Ergebnisse?

- Worin besteht eine zureichende Situationsdefinition bei der Planung eines Denkmals?

- Welche Selektionen müssen bei der Projektierung eines Denkmals getroffen werden und welche sind besonders risikoanfällig?

- Was sind die möglichen Gründe für das Misslingen von memorialen Kommunikationen?

- Wie weit muss die Koorientierung der an Gedenkprozessen Beteiligten gehen und in welchem Maße können ihre Kenntnisse, Erwartungen und Interpretationen divergieren, ohne dass der Kommunikationsprozess scheitert?

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