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Pierre Nora
Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Die Gedächtnisorte In: ders.: Zwischen Geschichte und Gedächtnis, Frankfurt a.M. 1998. S. 11-42. Zusammenfassung und Kommentar Volker Wild, September 2005 Dieser Essay des französischen Historikers ist Teil einer Sammlung von drei Essays, die ihrerseits dem dreibändigen Sammelwerk über das nationale Gedächtnis Frankreichs entnommen sind, welches unter dem Titel „Les lieux de mémoire“ zwischen 1984 und 1992 erschien und von Pierre Nora herausgegeben wurde. Noras Schrift ist ein grundsätzliches, ein geradezu programmatisches Statement über das kollektive Gedächtnis und seine Zukunft. Um es kurz zu sagen, das kollektive Gedächtnis hat in den Augen Noras keine Zukunft mehr. Es ist dabei abzusterben, wenn es nicht schon abgestorben ist. Die Gedächtnisorte, in denen die Nation einst ihre Identität fand, sind für ihn die letzten Zeugen einer alten Tradition. Diesen Orten wendet er sich daher zu. Sein Essay ist das Bekenntnis einer Wehmut, einer „Liebestrauer“, wie er selbst schreibt. Mir ist kein Text bekannt, der so entschieden die Probleme umreißt, die sich heute auf dem Feld des kollektiven Gedächtnisses stellen. Dies ist das große Verdienst des Textes. Alle sprechen von einer Zeit des Übergangs, also von einem Ende und der Notwendigkeit einer Weiterentwicklung. Aber es gibt bisher nur zaghafte Ansätze, die Herausforderungen, vor denen die Diskurse und Praktiken des kollektiven Gedächtnisses stehen, auch als Chance zu begreifen. Auf der anderen Seite gibt es deutliche Anzeichen, das kollektive Gedächtnis und seine Traditionen zu restaurieren, hin zum rituellen, liturgischen Gedächtnis. Ohne Zweifel ist Nora zu den Anhängern der Restauration zu rechnen, wenn er dem Gedächtnis überhaupt noch eine Chance gibt. Wenn in Deutschland von einem Übergang des kollektiven Gedächtnisses die Rede ist, so wird er mit dem Aussterben der Zeitzeugen begründet. Man denkt an den Holocaust. Nora denkt an Frankreich, an die Nation. Unbefangen von der Schuld, sieht er die Dinge viel grundsätzlicher und radikaler. Er klagt die kritische Geschichtswissenschaft, die Tiefenpsychologie, die Individualisierung, die Medien, die Vermassung, überhaupt die Modernisierung unserer Lebenswelten an, die intakten Traditionen des Gedenkens zerstört zu haben. Er beklagt den Untergang der bäuerlichen Welt, der geschlossenen Gedächtnisgemeinschaften, der Ethnien, der Familien, des Ahnenkults, der nationalen Kulte. Alles werde in Frage gestellt: Kirche, Schule, Staat. Vorbild sind ihm die Juden, „das Volk der Überlieferung“, „eingeschlossen in die alltägliche Treue zum Ritual der Tradition.“ In Deutschland wird Nora als Autorität auf dem Gebiet des kollektiven Gedächtnisses rezipiert. Man bedient sich seiner, weil man denkt, in seiner restaurativen Konzeption des Gedächtnisses liege die Lösung des deutschen Holocaust-Gedenkens. Oder man schränkt wie Aleida Assmann seine Aussagen mit dem Hinweis ein, in Deutschland ginge es um den Holocaust, in Frankreich um die Denkmale der Nation. Ich bezweifele beide Positionen. Ich denke, dass es keinen Weg zurück zu den vormodernen Traditionen des Gedächtnisses gibt. Und ich denke, dass man sich den Fragen auch in Deutschland so prinzipiell wird stellen müssen, wie es Nora in Frankreich, wenn auch in einem anderen nationalen Kontext, getan hat. Noras Essay ist eine Programmschrift. Man muss sie nur umpolen, sozusagen von hinten lesen, um einen Ausweg aus den Dilemmata zu finden, die er umreißt und ich im folgenden beschreibe. Ich bin gerade nach der Lektüre von Nora überzeugt, dass das Gedächtnis neu gedacht werden muss, und zwar als Gedenken, als soziale Praxis, die sich ebenso in Kontinuitäten wie in Diskontinuitäten begreift. Wenn Gedächtnis etwas mit Identität zu tun hat, dann kann man nicht hinter die heutigen komplexen und konstruktiven Identitätsbegriffe zurückfallen. Um die Kontexte meiner kritischen Einsprüche, die sich mir spontan bei der Lektüre aufdrängten, zu bewahren, habe ich diese nicht wieder aus der folgenden Zusammenfassung entfernt. ***** Zusammenfassung mit Anmerkungen Mit Gedächtnisort bezeichnet Nora alle Symbole, die der Herausbildung und Festigung der Identität Frankreichs (nur um dieses Land geht es in der Aufsatzsammlung) gedient haen oder dienen: Denkmäler, Gebäude, aber auch Rituale, Fahnen und Texte. (7) Nora geht von dem Befund aus, dass mit der fortlaufenden Beschleunigung der Geschichte die Vergangenheit immer schneller aus dem Gedächtnis verschwindet und im Schlund des Vergessens versinkt. Wir leben in einen „Augenblick des Übergangs, da das Bewusstsein eines Bruchs mit der Vergangenheit einhergeht mit dem Gefühl eines Abreißens des Gedächtnisses.“ (11) Was vormals Gegenstand eines in Traditionen gebundenen Gedenkens war, wird nun Gegenstand einer Geschichtswissenschaft, in der alle Ereignisse in ihre Historizität zurückfallen. Die milieux de mémoire der intakten Gedächtnisgemeinschaften werden ersetzt durch die lieux de mémoire, denen Nora sein großes Werk gewidmet hat. Diese „Orte“ sind symbolische Reste, gleichsam die schon fast erkalteten Spuren eines früher gelebten Gedenkens. (11, 12) Für den Verlust der Gedenkmilieus macht Nora die Phänomene der Modernisierung verantwortlich: den Untergang der bäuerlichen Welt, die Demokratisierung, die Vermassung, die Medien, die Auflösung der überkommenen Gemeinschaftungen wie Ethnien und Familien sowie den Zerfall„all jener Institutionen, die die Bewahrung und Weitergabe der Werte sicherten, Kirche oder Schule, Familie oder Staat.“ (12) Der tiefe Pessimismus der Position Noras spricht sich in dem folgenden längeren Zitat aus: „Beschleunigung: dies Phänomen hat uns den ganzen Abstand vor Augen geführt zwischen dem echten, sozialen und unberührten Gedächtnis, dessen Modell die sogenannten primitiven und archaischen Gesellschaften repräsentierten und dessen Geheimnis sie mit sich fortgenommen haben, und der Geschichte, die eben das ist, was unsere Gesellschaften, zum Vergessen verurteilt, weil die Veränderung sie fortreißt, aus der Vergangenheit gemacht haben. Den Abstand zwischen einem eingebundenen, gebieterischen und seiner selbst nicht bewussten Gedächtnis, das Ordnung schaffend und allmächtig ist, aus der Tiefe emporholend, einem Gedächtnis ohne Vergangenheit, das dennoch ewig die Überlieferung besorgt und unserem Gedächtnis, das bloß Geschichte ist, bloß Spur und Sparte. Eine Distanz, die sich umso mehr vertieft hat, als die Menschen sich und zumal seit Beginn der Neuzeit ein Recht, eine Macht, ja sogar eine Pflicht zur Veränderung zuerkannt haben. Eine Distanz, die heute ihre Klimax erreicht.“ (12) Weil die Gedächtnisgemeinschaften verschwunden sind, sind die Gedächtnisorte entstanden. Lebten wir noch, sagt Nora, wie die Juden, „das Volk der Überlieferung,“ „eingeschlossen in die alltägliche Treue zum Ritual der Tradition,“ (13) bräuchten wir keine Geschichtswissenschaften oder dergleichen Stützen unseres historischen Wissens. Wieder muss ich zu einem längeren Zitat greifen, um die traurige Aporie zu verdeutlichen, die Nora uns vor Augen stellt: „Gedächtnis, Geschichte: keineswegs sind dies Synonyme, sondern, wie uns heute bewusst wird, in jeder Hinsicht Gegensätze: Das Gedächtnis ist das Leben: stets wird es von lebendigen Gruppen getragen und ist ständig in Entwicklung, der Dialektik des Erinnerns und Vergessens offen, es weiß nicht um die Abfolge seiner Deformationen ... Die Geschichte ist die stets problematische und unvollständige Rekonstruktion dessen, was nicht mehr ist. Das Gedächtnis ist ein aktuelles Phänomen, eine in ewiger Gegenwart erlebte Bindung, die Geschichte hingegen eine Repräsentation der Vergangenheit. Weil das Gedächtnis affektiv und magisch ist, behält es nur die Einzelheiten, welche es bestärken: es nährt sich von unscharfen, vermischten, globalen oder unsteten Erinnerungen, besonderen oder symbolischen, ist zu allen Übertragungen, Ausblendungen, Schnitten oder Projektionen fähig. Die Geschichte fordert, da sie eine intellektuelle, verweltlichende Operation ist, Analyse und kritische Argumentation. Das Gedächtnis rückt die Erinnerung ins (13) Sakrale, die Geschichte vertreibt sie daraus, ihre Sache ist die Entzauberung. Das Gedächtnis entwächst einer Gruppe, deren Zusammenhalt es stiftet was darauf hinausläuft mit Halbwachs zu sagen, dass es so viele Gedächtnisse gibt, wie es Gruppen von Menschen gibt; das Gedächtnis ist von Natur aus auf Vermehrung und Vervielfachung angelegt, ist kollektiv, vielheitlich und doch individualisiert. Die Geschichte dagegen gehört allen und niemandem; so ist sie zum Universalen berufen. Das Gedächtnis haftet am Konkreten, im Raum, an der Geste, am Bild und Gegenstand. Die Geschichte befasst sich nur mit zeitlichen Kontinuitäten, mit den Entwicklungen und Beziehungen der Dinge. Das Gedächtnis ist ein Absolutes, die Geschichte kennt nur das Relative.“ (13, 14) Nora entwickelt hier das Tableau von Gegensätzen, die in der Sache nicht haltbar sind, zugleich aber in der Schärfe der Gegenüberstellung geradezu die Chance eröffnen, die Aufgaben zu umreißen, denen sich heute eine kritische Theorie des Gedenkens stellen müsste. Mit anderen Worten: Noras Thesen sind unhaltbar und dennoch nützlich. Sie beruhen auf Idealtypen, die es so nie gab, aber immer ihre Wahrheit enthielten. So wenig wie es früher völlig geschlossene Gemeinschaften gab, so wenig gab es so etwas wie ein völlig geschlossenes Gedächtnis. Das zeigen schon die aus „traditionellen“ Gesellschaften bekannten Konflikte um die Nachfolge eines Königs, in denen sich die miteinander streitenden Parteien jeweils auf unterschiedliche Überlieferungen und ein unterschiedliches Wissen über dynastische Erbfolgen beriefen. Umgekehrt lebt auch in offenen, sich schnell wandelnden Gesellschaften das Gedächtnis fort, bleibt die Gegenwart in Berührung mit der Vergangenheit, als Tradition oder als Bruch, im Gefühl von Zugehörigkeit oder Entwurzelung. Es verändert sich die Sicht auf Ereignisse, die für uns Bedeutung haben, wie sich auch die Kreise derer weiten, mit denen wir uns verbunden fühlen. Richtig ist, dass sich Gedächtnis heute an den Ergebnissen kritischer Geschichtswissenschaft bewähren muss, in einem anderen Umfang als früher. Richtig ist aber auch, dass die Geschichtswissenschaft selbst neue Beziehungen stiftet, also keineswegs nur Aussagen über Sachen trifft. Das Gedächtnis demokratisiert sich. Es ist nicht mehr Herrschaftswissen. Das bietet Chancen. Die ritualisierten Gedächtnistraditionen vormoderner Gemeinschaften, zu denen auch die jüdische Eidgenossenschaft des Alten Testamentes zählte, sind erstarrt und brüchig geworden. Es ist nicht die Frage, ob man sich heute resignativ mit ihrem endgültigen Verschwinden bescheidet oder ob sie wiederbelebt werden müssen, wie es Wissenschaftler wie Aleida Assmann angesichts des Holocaust fordern. Die Frage ist, wie sich heute kritische Geschichtswissenschaft, diskursiver ethischer Universalismus, Pluralisierung von Gesellschaften und Individualisierung von Selbstbildern durchdringen und miteinander ins Verhältnis gesetzt werden können. Alles anderes wäre unfruchtbare Nostalgie, anfechtbare Pädagogik oder politische Instrumentalisierung. Wie wenig haltbar Noras Position ist, zeigt sich, wenn er im folgenden beklagt, dass sich heute auch noch die Geschichtswissenschaft selbst als geschichtlich versteht und sich damit relativiert. Die kanonischen Texte der französischen Nationalgeschichtsschreibung würden destruiert und damit die letzten Fixpunkte nationaler Identität ausgelöscht. (14-16) An die Stelle einer autoritativen Nationalgeschichte sei eine politische Gesellschaftsgeschichte getreten. Frieden und Wohlstand hätten die Nation als das einigende Band überflüssig gemacht. (Eine solche Feststellung läuft auf jene Klage hinaus, die die Einführung der städtischen Wasserversorgung bedauert, weil sie das Ende des abendlichen Geplauders am Brunnen eingeläutet habe und mit ihr die nachbarschaftlichen Bande verkümmert seien.) „Die Vergangenheit“, fährt Nora fort, „konnte man nur kennen und verehren, der Nation nur dienen; die Zukunft muss man vorbereiten. Die drei Begriffe haben sich selbständig gemacht. Die Nation ist kein Kampfziel mehr, sie ist eine Gegebenheit; die Geschichte ist eine Sozialwissenschaft geworden und das Gedächtnis ein rein privates Phänomen. Die Gedächtnisnation war die letzte Verkörperung der Geschichte.“ (18) Er wende sich mit seinem Werk den Gedächtnisorten zu: als den letzten Bollwerken des kollektiven Gedächtnisses angesichts der zerstörerischen Kräfte einer fortschreitenden Entzauberung der Traditionen, nicht zuletzt durch die Geschichtswissenschaften selbst. (20) Im folgenden wendet sich Nora der Frage zu, wie es zum Umschlag vom lebendigen zum toten Gedächtnis gekommen ist. Also vom sozialen, kollektiven, spontanen und totalen Gedächtnis einerseits zum psychologischen, individuellen, subjektiven und gelenkten Gedächtnis andererseits. Er macht dafür mehrere Prozesse verantwortlich. Zunächst die „Archivierung“: Alles werde aufgezeichnet, gesammelt, registriert, archiviert und dokumentiert. (22-25) Dieser Trend sei „der klarste Ausdruck des Terrorismus des historisierten Gedächtnisses.“ (25) Zweitens: die Konstruktion neuer partikularer Identitäten, die schließlich jeden mit seinem Gedächtnis alleine lasse und aus dem kollektiven „Gesetz“ des Gedächtnisses ein individuelles machen, ja eine moralische Tyrannei. - Heute würde jede Berufsgruppe und jede Körperschaft das Bedürfnis verspüren, sich eine eigene Identität zuzulegen, wie sie früher nur gewachsenen Einheiten wie z.B. den Ethnien eigen gewesen wären. Jede Familie betreibe genealogische Forschung (nicht nur der Adel) und schreibe seine eigene Geschichte. (26) Er beklagt erneut, dass mit dem „Zusammenbruch der bäuerlichen Welt“ und der „Konversion zur Individualpsychologie“ das „in der Scholle wurzelnde Gedächtnis“ zerstört worden sei. Dabei sitzen Freud, Bergson und Proust auf der Anklagebank. „Dieser Transfer des Gedächtnisses (vom Kollektiven zum Individuellen) bezeichnet eine entscheidende Verschiebung: vom Historischen zum Psychologischen, vom Sozialen zum Individuellen, vom Übertragbaren zum Subjektiven, von der Wiederholung zur Wiedererinnerung. Er läutet ein neues Regime des Gedächtnisses ein, das von nun an Privatangelegenheit ist.“ (26, 27) Wo die kollektive Identität und das kollektive Gedächtnis verloren gegangen sei, sei jeder mit der Last konfrontiert, seine eigene Identität zu finden. Der Zwang, sich zu erinnern, werde als ständige Ermahnung internalisiert wie bei den „entjudaisierten Juden in jüngster Zeit“. „Denn in dieser Tradition, die keine andere Geschichte als ihr eigenes Gedächtnis hat, heißt Jude sein, sich daran zu erinnern, es zu sein. Ist aber diese unanfechtbare Erinnerung einmal verinnerlicht, verpflichtet sie einen allmählich mit Haut und Haar. ... Die Psychologisierung des Gedächtnisses hat jedem das Gefühl eingegeben, dass sein Heil letztlich von der Begleichung einer unmöglichen Schuld abhinge.“ (27) Schließlich beschreibt Nora eine dritte Tendenz: das „Gedächtnis als Distanz“ oder: das Vergehen der Vergangenheit. Früher verging die Vergangenheit nie völlig. Sie blieb in der mythologischen Erzählung lebendig. Später, mit dem Aufkommen der Geschichtsschreibung, gab es die Idee der nationalen Ursprünge, die den ewigen Bezugspunkt der Geschichte der Nation und ihre immer gültige Bestimmung bildeten. Heute ist dieser historische Prädestinationsglauben zugunsten eines kontingenten Geschichtsverständnisses verloren gegangen. Die Historiker weisen nur noch Brüche nach, nicht mehr die Linien großer Traditionen. Im medialen Zeitalter entsteht eine Sucht nach Surrogaten des Gedächtnisses, nach inszenierter Historie und fabrizierten Mythen. Nora spricht von einem „stark fernsehartigen Gedächtnis“. „Nie zuvor hat man auf so sinnliche Weise das Gewicht der Erde an den Stiefeln, die Hand des Teufels im Jahr 1000 und die üblen Gerüche der Städte im 18. Jahrhundert spüren wollen.“ (29) In den intakten Gedächtnisgemeinschaften der Vergangenheit wies das Gedächtnis jedem mit der ganzen Autorität der Ahnen seinen Platz, seine Identität zu. Wusste er, wer die Ahnen waren, wusste er, wer er ist. Heute haben wir dieses sichere Wissen verloren und wissen - in der Differenz zu den vielen „Anderen“ - nur noch, wer wir nicht sind. „Keine Genese mehr, sondern die Entschlüsselung dessen, was wir sind, im Lichte dessen, was wir nicht sind. Diese Alchemie des Wesentlichen trägt sonderbarer Weise dazu bei, die Geschichte, deren brutaler Schub in Richtung Zukunft uns doch eigentlich von derlei freimachen sollte, zur Hüterin der Geheimnisse der Gegenwart zu machen.“ (30) Diese Stelle wie viele andere auch klingt weit rätselhafter, als sie in Wirklichkeit ist. Nora klagt die Geschichtswissenschaft an, reflexiv zu sein, die autoritativen Erzählungen zu hinterfragen und damit die homogenen kollektiven Identitäten zu brechen, deren letzte Repräsentanten die Nationalstaaten mit ihren affirmativen Ursprungsmythen und Gedächtnistraditionen waren. Er klagt die Historiker an, zu tun, was heute zu tun ist: den „Anderen“ in das Selbst aufzunehmen, also Weltgeschichte statt Ursprungsgeschichte zu schreiben. Einen zweiten Vorwurf erhebt er: dass der Historiker vom Podest des magister patriae hinabsteigt und „die enge, intime und persönliche Verbindung, die er mit seinem Gegenstand unterhält, (zugibt).“ Sich selbst also historisch versteht. (30) Man kann meinen, dass die treffende Art, mit der Nora die Entwicklungen unseres modernen Geschichtsbezuges beschreibt, aus einer verweigerten, verleugneten Einsicht in ihre Notwendigkeit, fast aus einer Kränkung entspringt, deren tiefere Ursachen er und das ist das eigentlich Problematische an seinem Essay fast trotzig verschweigt. Der letzte Abschnitt des Essays (32-42) befasst sich der Definition und Klassifikation von Gedächtnisorten. Von „Gedächtnisort“ kann man nur sprechen, wenn drei Merkmale zusammenkommen: ihre Materialität, ihre Funktion und ihre symbolische Qualität. Ein Archiv ist materieller Qualität und dient einem Zweck, aber es wird erst dann zu einem Gedächtnisort, wenn eine „symbolische Aura“ es umgibt. Das gleiche gilt für Schulbücher, Testamente von Personen oder Kriegervereine: Sie sind nur Gedächtnisorte, wenn sie „Gegenstand eines Rituals“ sind. (32) Am Anfang von Gedächtnisorten steht immer die „Absicht, etwas im Gedächtnis festzuhalten.“ (33) Fehlt diese, so handelt es sich um Orte der Geschichte. Erst ein geschichtlicher Akt, nämlich die Absicht des Festhaltens, die selbst von einem Gefühl für das Symbolische und Bewahrenswerte des Ortes getragen wird - erst diese Absicht macht aus einem geschichtlichen einen Gedächtnisort. Umgekehrt sind die Gedächtnisorte auf ihr Weiterleben im kollektiven Gedächtnis angewiesen: auf das „unablässige Wiederaufflackern ihrer Bedeutungen und (das) unvorhersehbare Emporsprießen ihrer Verzweigungen.“ (33) Der Gedächtnisort geht also aus der Geschichte hervor und bleibt ihr verhaftet. Aber, so möchte man fragen, verwickelt sich Nora mit solchen Äußerungen nicht in gewisse Widersprüche zu dem, was er zuvor ausgeführt hat? Positiver formuliert: Weist nicht die Rede von den Absichten und Funktionen und vom Weiterleben des Gedenkens, also von seiner lebendigen Verhaftung mit der Geschichte und ihren Akteuren, auf die Möglichkeit, ja die Notwendigkeit, die Widersprüche in Noras Position aufzulösen? Statt das Ende des Gedächtnisses zu beklagen, hätten wir dann die Aufgabe, es ständig zu „rekombinieren“, um es zu bewahren. Es bestünde die Chance, kritische Geschichtswissenschaft und ein aufgeklärtes Gedenken mit einander in ein fruchtbares Spannungsverhältnis zu setzen. Wenn die Geschichtswissenschaft sich, wie man sehen kann, eines blühenden Lebens erfreut, nachdem sie den sicheren Hafen einer affirmativen Nationalgeschichtsschreibung verlassen hat, warum sollte dies nicht auch dem Gedenken möglich sein, das heute unter Schwächeanfällen leidet? Nora gibt zwei Beispiele für die wechselhafte Geschichte von „Gedächtnisorten“. Die eine ist die des Kinderbuches „Tour de la France par deux enfants“ von 1877, das damals das Frankreichbild von Millionen junger Franzosen prägte: „ein Inventar all dessen ..., was man von Frankreich wissen musste, eine Schilderung, mit der man sich identifizierte, und eine Initiationsreise.“ Später geriet das Buch in Vergessenheit. Hundert Jahre später wurde es erneut aufgelegt und erlebte seine Wiederauferstehung: Es ging erneut „in das kollektive Gedächtnis ein, aber nicht mehr in dasselbe und neue Augenblicke des Vergessens mögen folgen.“ (35) Nora stellt Gedächtnis und Geschichte fast in der Form einer Definition einander gegenüber. Geschichte beziehe sich immer auf tatsächliche Ereignisse, also auf die Realität. „Gedächtnisorten“ hingegen fehle dieser Realitätsbezug. Sie seien „Zeichen, die nur auf sich selbst verweisen.“ Der „Gedächtnisort“ sei wie ein Tempel, „ein aus der Unbestimmtheit des Profanen“ heraus getrenntes Feld, „ein Kreis, innerhalb dessen alles Symbol ist und Bedeutung hat. In diesem Sinn ist der Gedächtnisort ... ein Ort ..., der sich abschließt, sich auf seine Identität versammelt und auf seinen Namen gründet, aber beständig offen ist für die ganze Weite seiner Bedeutungen.“ (40) Die letzten beiden Abschnitte des Essays machen uns zu Zeugen eines merkwürdigen und schwierigen Bekenntnisses, das noch einmal an jene Stellen zu Anfang des Essays zurückverweist, die ich so ausführlich zitiert habe. Zunächst gesteht Nora, dass er sich aus „Liebestrauer“ er greift ein Wort von Proust auf mit den lieux de mémoire beschäftigt habe. Liebestrauer sei jenes Gefühl oder „jener Augenblick, da die Klammer der Leidenschaft sich löst und die wahre Traurigkeit sich einstellt, wenn man nicht länger leidet an dem, woran man so lange gelitten hat, wenn die Vernunft des Kopfes erfasst, woran die Unvernunft des Herzens so lange hing.“ (41) Aber wem gilt die Leidenschaft? Was löst ihre Klammer? Und was ist der Grund der Traurigkeit? Die Leidenschaft gilt der mythischen Tiefe der Geschichte („Gedächtnisgeschichte“) und dem wahrhaften Roman („Fiktionsgedächtnis“). Beide Formen des Gedächtnisses hat die kritische Geschichtswissenschaft zerstört, indem sie die Orte des Gedächtnisses entweiht, seine Erzählungen entmythologisiert und die zärtliche Anhänglichkeit an seine Traditionen unmöglich gemacht hat. In diesem Vakuum ist eine verflachte Geschichte „unser Ersatz-Imaginäres“ geworden. „Die Renaissance des historischen Romans, die Welle der persönlichen Aufzeichnungen, die literarische Wiederbelebung des historischen Dramas, der Erfolg der Oral History“ all dieses seien die Beweise des Verlusts der Tiefe der Geschichte und des Niedergangs der Literatur. (41, 42) Ich möchte abschließend noch einen Hinweis zu dem Gebrauch des Wortes Gedächtnis geben. Nora spricht grundsätzlich vom „Gedächtnis“, während ich hier häufiger das Wort „Gedenken“ gebraucht habe, das Nora wahrscheinlich nie verwenden würde. Nora legt den Akzent auf die Tradition, ich bevorzuge dagegen den Aspekt der sozialen Praxis. Bei Nora kann man sich unter „Gedächtnis“ einen Schrein vorstellen, im doppelten Sinne des zerebralen Speichers wie des Schaugefäßes für Reliquien. Bei Nora geht es um Mythos, Ritus, um Traditionspflege, um die Wiederholung von Bräuchen, auch um ihr Verschwinden und ihr erneutes Auftauchen, ganz ähnlich wie bei den Reliquien. Sie verlieren nicht ihre Kraft, auch wenn sich ihre Bedeutung neu auflädt. Sie bewahren einen Ursprungsbezug, auch wenn dieser dunkel bleibt. Aber darin gerade, dass sie durch so viele Hände gegangen sind, liegt ihre Kraft und Aura, die Anziehung ihrer Tiefe. Wenn Nora von dem kollektiven Gedächtnis spricht, ist immer schon etwas da: das, was er „Ort“ nennt. Vielleicht ist es nur eine zunächst unbedeutende Urkunde, der dann scheinbar spontan Bedeutungen und Verwendungen, schließlich ein symbolischer Status zuwachsen. Dass es sich beim Gedenken um eine intentionale, konstruktive Praxis handelt, käme Nora wahrscheinlich nicht in den Sinn. Für ihn wäre das ein Kunstprodukt, ein Surrogat für das wahre Gedächtnis, dessen Absterben er so beredt beklagt.
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