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Alexander und Margarete Mitscherlich

Die Unfähigkeit zu trauern –
womit zusammenhängt, eine deutsche Art zu lieben

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in: dies.: Die Unfähigkeit zu trauern. 20. Auflage. München 1988 (1967). S. 13-85.

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Zusammenfassung und Kommentar

Volker Wild, November 2005

1967 erschien eine Sammlung von Aufsätzen der beiden Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich unter dem Titel „Die Unfähigkeit zu trauern.“ Das Buch wurde zum Bestseller, sein Titel zum stehenden Begriff für die Unfähigkeit der Deutschen, um die Opfer ihrer Verbrechen zu trauern. Hier geht es um den ersten Aufsatz unter der Überschrift, der den Schlüssel zu dem Buch liefert und ihm den Titel  gab: „Die Unfähigkeit zu trauern – womit zusammenhängt, eine deutsche Art zu lieben.“

Anliegen der Autoren ist es, die Hypothese zu stützen, „dass zwischen einem intensiven Zur-Wehr-Setzen gegen Tatsachen aus dem versunkenen Dritten Reich und einem psychosozialen Immobilismus in unserer augenblicklichen Gegenwart direkte und nachweisbare Beziehungen bestehen.“ (84) Durcharbeitung der Vergangenheit zum Zwecke der Bewältigung der politischen Gegenwartsfragen: so könnte man das Programm der Autoren umreißen.

Schlüssel dazu sei die Trauerarbeit. Die Autoren bezeichnen sie als „ein langsames Ablösen von verlorenen Objektbeziehungen.“ (83) Ziel ist, „die definitive Veränderung der Realität durch den Verlust des Objekts zu akzeptieren.“ (80) Im Verständnis der Psychoanalyse ist ein Objekt eine Person oder das innere Bild von einer Person, auf welche sich das Selbst gefühlshaft bezieht. Das Objekt, das die Deutschen verloren haben, ist, so die Autoren, ihr Größen-Selbst bzw. Hitler, der es verkörperte. „Als Anlass zur Trauer wirkt (...) vor allem das Erlöschen seiner Repräsentanz als kollektives Ideal. Er war ein Objekt, an das man sich anlehnte (...) Sein Tod und seine Entwertung durch die Sieger bedeutete auch den Verlust eines narzisstischen Selbst und damit eine Ich- oder Selbstverarmung und –entwertung. (34 f.)

Damit wurde „die Abwehr des Erlebnisses einer melancholischen Verarmung des Selbst (zur) drängendsten Aufgabe für den psychischen Apparat.“ (35) Die Trauer um die Opfer konnte allenfalls ein „oberflächliches seelisches Geschehen“ bleiben. (35)

Als Ursachen für die starke Identifikation der Deutschen mit Hitler nennen die Autoren psycho- und soziogenetische Faktoren. Sie weisen auf „unseren Narzissmus“ hin und spielen damit offensichtlich auf narzisstische Störungen an, die in den autoritären und lieblosen deutschen Erziehungsmilieus der Zeit weit verbreitet waren. Hier konnten die Kinder nicht das Gefühl für den Wert ihres eigenen Selbst entwickeln. Das Ergebnis sei die Flucht in unrealistische Größenselbste und die Entwicklung aggressiver Impulse gegen andere und das eigene Selbst gewesen. Auf der anderen Seite sei in der kollektiven Erfahrung der Deutschen ihr imperiales Größenselbst durch die Niederlage im 1. Weltkrieg und die folgenden politischen und wirtschaftlichen Krisen gekränkt worden. Bisher gültige Werte und Autoritäten seien verfallen.

Aus dieser Konstellation erklären die Autoren den Aufstieg Hitlers und die pathologische Bindung der Deutschen an ihn. Ihre Verfallenheit an den Führer und die Blindheit ihres Glaubens an ihn bis zum bitteren Schluss erklären sie aus der Dynamik narzisstischer Kränkungen. „Dieser (der „Führer“) tritt an die Stelle des Ich-Ideals jedes einzelnen, jenes seelischen Selbstbildes, das von den kühnsten Phantasien über eigene Bedeutung, Vollkommenheit und Überlegenheit (...) gekennzeichnet wird. Indem ich dem Führer folge, verwirkliche ich ein Stück dieses phantasierten Ich-Ideals.“ (71 f.) Die Ambivalenz von libidinösen und aggressiven Strebungen, die jede Beziehung zu einer Person spannungsvoll präge, sei von Hitler gleichsam aufgespalten worden. Alle aufgestauten aggressiven Impulse habe er nach außen und auf andere gerichtet. Gleichzeitig seien alle libidinösen Energien der Deutschen in einem Maße auf ihn gezogen worden, dass die Deutschen in ihm ihren Erlöser und Heilsbringer sahen.

Eine besondere Bedeutung komme in diesem Zusammenhang der völligen Enthemmung des Destruktionstriebes zu. Sie werde durch das „Umdrehen des Gewissens“ (30) erreicht. Der „Führer“ habe sich an die Stelle des Gewissens gesetzt. Die Autoren zitieren Freud: „Das Gewissen findet keine Anwendung auf alles, was zugunsten des Objekts geschieht; in der Liebesverblendung wird man reuelos zu Verbrecher.“ (76)

Die Niederlage hätten die Deutschen als Totalverlust ihrer Ich-Ideale, den Verlust des „Führers“ als Verlust ihres Selbst erlebt. Sie hätten sich vor den Gefühlen von Schuld, Scham und Trauer schützen müssen, um nicht in Melancholie zu verfallen und sich aufzugeben. Den Deutschen sei „kaum ein anderer Weg als der der weiteren Verleugnung (ihrer) Motive oder der Rückzug in eine Depression“ geblieben. (30, Hervorhebung im Text)

Als Mechanismen, die den Deutschen geholfen hätten, der Selbst-Aufgabe zu entgehen, nennen die Autoren u.a.: den Abzug aller seelischen Energien, mit denen sie Hitler verehrt und ihre „Pflicht“ erfüllt hätten, die Verleugnung der Verbrechen, die Derealisierung ihrer Erlebnisse, die Externalisierung der Schuld z.B. durch das Abschieben auf Hitler oder die Aufrechnung mit fremder Schuld, die Identifizierung mit den Siegern. Man habe sich nur als bedauernswerte und zu unrecht angeklagte Opfer gefühlt. Zwanzig Jahre später, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ihres Buches, sei die Gefahr des Abgleitens in die Melancholie zwar „gemildert“, aber „die Abwehrhaltung hat sich nicht entkrampft.“ (71)

Immer wieder betonen die Autoren den psychoökonomischen Zusammenhang zwischen Bereitstellung der seelischen Energien für die Aufrechterhaltung der Abwehr und den Wiederaufbau einerseits und dem so genannten „politischen Immobilismus“ des Adenauer-Deutschlands andererseits. Die seelischen Energien, die zur Abwehr der Schuld und zur Verleugnung des Geschehenen bereit gestellt worden seien, hätten bei der affektiven Besetzung des neuen demokratischen Systems und damit zur politischen Bewältigung von Gegenwart und Zukunft gefehlt. (36-43) Als Beispiel führen sie die Unfähigkeit der Deutschen an, auf die Ostgebiete zu verzichten, deren Verlust als Strafe und als endgültig anzuerkennen und sich mit ihren Nachbarn auszusöhnen. Die (West-)Deutschen lebten in einer Phantasiewelt und erhöben einen politischen und moralischen Alleinvertretungsanspruch. (14 f.)

Interessant sind die Schlussfolgerungen, die die Autoren aus dieser Analyse ziehen. Sie schlagen vor, sich an Freuds Maxime „erinnern, wiederholen, durcharbeiten“ zu orientieren. „Deshalb sind Wiederholung innerer Auseinandersetzungen und kritisches Durchdenken notwendig, um die instinktiv und unbewusst arbeitenden Kräfte des Selbstschutzes im Vergessen, Verleugnen, Projizieren und ähnlichen Abwehrmechanismen zu überwinden.“ (24) Diese notwendige Therapie scheitere aber daran, dass es uns wirtschaftlich zu gut gehe – sogar besser als früher. Es fehle der Leidensdruck. (25)

Gleichwohl halten sie an dem Programm einer kollektiven Bewusstseinsänderung der Deutschen fest. Man könne „nur aufgrund eines zuverlässig im Bewusstsein verankerten Wissens, auch eines solchen, das zunächst peinigen muss“, die „intellektuelle und moralische Einstellung“ der Deutschen, die zu Hitler führte, „`radikal überwinden´, da das, was geschah, nur geschehen konnte, weil dieses Bewusstsein korrumpiert war.“ (82)

Abschließend sollen einige Fragen und Einwände formuliert werden.

  • Freud entwickelte seine Technik bekanntlich für Einzeltherapien. Es ist nicht ersichtlich, wie sie auch für die Therapie einer ganzen Nation angesichts der Tatsache funktionieren kann, dass alle erforderlichen Voraussetzungen für sie fehlen: der Leidensdruck, der empathische Therapeut, die Möglichkeit der Übertragung als Voraussetzung für Wiederholung und deren Durcharbeitung und das Vorhandensein eines geschützten Raumes. Es ist ein Mangel des Aufsatzes, dass auf diese Frage nicht eingegangen wird.

  • Nach Feststellung der Autoren droht den Deutschen bei einer Desillusionierung ihrer Wahnvorstellungen die Zerstörung ihres Selbstwertgefühls. Sie benötigen ihre Abwehrhaltung, um sich nicht selbst aufzugeben. Wie kann dann angesichts dieses Befundes eine Desillusionierungsstrategie „durch ein Wissen, das peinigen muss“, diese Abwehrhaltungen durchbrechen, statt sie zu befestigen? Auch diese Frage bleibt offen.

  • Offen bleibt auch die Frage, wie eine Zuwendung der Deutschen zu den Opfern erreicht werden kann. Sie taucht nur am Rande der Abhandlung auf, einerseits in psychodynamischer Hinsicht als Unmöglichkeit, sich den Opfern zuzuwenden, und anderseits als moralische Pflicht. Wie die Deutschen angesichts ihrer massiven Abwehr von Scham- und Schuldgefühlen zur Zuwendung zu den Opfern ihrer eigenen Taten gebracht werden sollen, bleibt unklar.

  • Obwohl die Abhandlung zwanzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges geschrieben wurde und ein ganz erheblicher Teil der Angehörigen der Kindergeneration bereits im Erwachsenenalter war (einige sogar über 30), wird auf die Kindergeneration und ihre Stellung im Schuldkontext nicht eingegangen. Stattdessen wird mit einem fiktiven Kollektivsubjekt, „den Deutschen“, argumentiert. Dabei ist gerade bei der psychoanalytischen Darstellung der seelischen Auswirkungen traumatischer Ereignisse, an denen Familienmitglieder beteiligt waren, die Eltern-Kindbeziehung von großer Bedeutung. Wie Kinder auf solch tief greifende Ereignisse reagieren, hängt wesentlich davon ab, welcher Art die Eltern-Kind-Beziehungen sind und wie die Eltern den Kindern diese Ereignisse spiegeln.

  • Die Autoren konnten 1967 noch nicht Einsichten berücksichtigen, die die Psychologie erst später entwickelte. Zum einen wird heute von einer Traumatisierung nicht nur der Opfer, sondern auch der Täter durch solch massenhafte und exzessive Verbrechen hingewiesen. Wie bei Völkermorden mit kollektiven Traumatisierungen der Täter umzugehen ist, ist unklar. Noch ist es, soweit ich das übersehe, nach keinem Völkermord gelungen, Täterkollektive zur Reue und zu einem grundlegenden Sinneswandel zu veranlassen.

  • Die Autoren weisen auf frühkindliche narzisstische Störungen bei den Tätern hin. Wenn diese maßgeblich an der Entstehung der Wahnvorstellungen der Hitler-Gefolgschaft beteiligt waren, dann wäre die Abwehrhaltung der Täter nicht durch die Auseinandersetzung mit einem Wissen, das peinigen muss, zu überwinden. Neuere Therapieansätze zu frühkindlichen narzisstischen Störungen betonen die Notwendigkeit einer „haltenden“ Therapie, die die kindlichen, archaischen Bedürfnisse nach Spiegelung und Idealisierung zulässt und dem Patienten die Entwicklung eines „Urvertrauens“ ermöglicht. Dies sei die Bedingung für die Durcharbeitung von Schamkonflikten.

  • Das Buch tat seine Wirkung. Zwei Jahre später erhielt Alexander Mitscherlich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Die deutsche Vergangenheitsdebatte erhielt von dem Buch wesentliche Impulse. Vermutlich ist sein Inhalt heute weitgehend vergessen. Vergessen ist vor allem, dass sich die „Formel“ von der Unfähigkeit zu trauern auf die Täter bezog und die Aufforderung an sie enthielt, sich aus den Illusionen ihres Größenselbst zu lösen, um sich den Aufgaben der Gegenwart zuzuwenden.

  • Die fehlende Aufklärung der Stellung der zweiten Generation im Schuldzusammenhang hat jedoch nachfolgende Fehlentwicklungen begünstigt. Die Wendung von der Unfähigkeit zu trauern wurde aus ihrem psychoanalytischen Kontext herausgelöst und moralisiert. Angehörige der Kindergeneration reagierten darauf entweder mit einer Identifikation mit den Opfern oder mit der Abwehr einer – wie es schien – Verpflichtung zur Dauererinnerung an die Schuld. Es kam zu einem Zuviel und einem Zuwenig an Gedenken, wie es der Philosoph Paul Ricoeur ausgedrückt hat. Die oft unversöhnlich geführten Debatten haben den psychischen Immobilismus, gegen den sich die Intervention der Autoren richtete, eher befördert als abgebaut.

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