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Inhaltsstoffe
Etwas aufnehmen, verarbeiten, verdauen, hoffen, dass es wirkt und keine Nebenwirkungen auftreten. Etwas, das nährt oder heilt, Besserung verspricht, eine funktionelle Störung beseitigt oder einen Schmerz lindert. Vielleicht sollte man das Denkmal einmal als Lebensmittel oder Medizin betrachten. Die, die das Denkmal setzen, stellen etwas her, welches andere wiederum zu sich nehmen sollen. Inhaltsstoffe, Wirkungen, Nebenwirkungen das klingt uns vertraut. Produktion und Konsumption spielen sich bei Denkmälern im politischen Raum und auf der Ebene der Zeichen ab. Und auf beiden im Herzen jedes einzelnen. Ein Denkmal soll eine Botschaft vermitteln und stellt dabei kollektive Identität her, in der die Gemeinschaft sich selbst und Außenstehende die Gemeinschaft wieder finden sollen. Was wäre Amerika ohne die Freiheitsstatue? Ein Denkmal wird aufgenommen, reichert sich an, lagert sich ab, wird ausgeschieden. Es geht in den Stoffwechsel einer Nation, einer Gemeinde, einer religiösen Gruppe ein, führt zu Fieberschüben oder wird zur stillen Gewohnheit. Schließlich fügt es sich wie ein Stück Natur in die Stadtlandschaft ein und wahrt sein Überleben auf dem Boden der versunkenen Erinnerungen. Ein Denkmal ist ein hochsynthetisches Produkt. Wie bei modernen Lebensmitteln stecken in ihm zumeist zahlreiche Inhaltsstoffe, die in seine Herstellung eingehen und mit seiner Realisierung unsichtbar werden. Die stummen, unbewussten Absichten der Initiatoren, Politiker, Sponsoren, Künstler, ihre eigenen Geschichten mit der Geschichte, ihr Verlangen, etwas von sich zu zeigen oder zu verbergen, die Wunsch- und Feindbilder sie alle erscheinen auf keinem Beipackzettel. Jeder Akteur äußert seine eigene Empörung, jeder weint seine eigenen Tränen. Dieser, in der Rolle des Historikers, ist im Herzen ein Jäger, jener, in der des Anwalts, vielleicht selbst ein Opfer. Wer beobachtet, wie ein Denkmalprojekt entsteht, wie die Debatten verlaufen, wer schweigt und wer redet und was da geredet wird, mit welcher Emphase und welchen Untertönen und wie dann die Kompromisse geschlossen werden, in denen alles Schwierige, das das Wichtige wäre, wieder verschwindet, kann ahnen, dass bei einem Denkmal nicht immer drin ist, was drauf steht. Die guten Absichten hängen klappernd im Wind. Vielleicht sollte man ganz ähnlich wie in anderen Branchen einen Kodex vereinbaren und darin den Denkmalsetzern die Pflicht auferlegen, einmal gründlich - möglichst unter Supervision von Psychologen und Kommunikationsfachleuten, die solche Prozesse überblicken über ihre eigenen Antriebe nachzudenken. Und man sollte die Ergebnisse in einer kleinen Dokumentation festzuhalten, die für vier Euro im Buchhandel erhältlich ist. Das wäre eine lohnende Investition im Sinne des Verbraucherschutzes und der Arzneimittelsicherheit. Volker Wild, Februar 2006 |
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